Vom Umgang mit PTBS- und anderen Assistenzhunden – Finger weg!

Vom Umgang mit PTBS- und anderen Assistenzhunden – Finger weg!

Angeregt durch einen Aufschrei in den Sozialen Medien vor ein paar Tagen, befasse ich mich heute mit einem Thema, das sicherlich, den Hintergrund betreffend, ein sehr, sehr schwieriges und schwerwiegendes Thema ist.


Ein kurzer Ausflug in die Geschichte, die mich zu diesem Beitrag veranlasst hat:

Eine junge Frau geht mit ihrem Assistenzhund zum Einkaufen. Ihr Hund ist entsprechend gekennzeichnet. Der sowieso schon volle Supermarkt macht ihr zu schaffen, doch sie hat ja ihren Hund dabei. Soweit alles gut? Nein, leider nicht. Denn es gibt sie, die rücksichtslosen und distanzlosen Menschen, die noch nicht einmal die eindeutige Kennzeichnung des Hundes davon abhält, diesen unbedingt streicheln zu wollen. Die junge Frau kämpft, immer wieder muss sie die Menschen darauf aufmerksam machen, dass ihr Hund arbeitet und jetzt nicht gestreichelt werden darf. Doch es ist zu viel und sie muss den Einkauf abbrechen.

Damit ist die Geschichte jedoch leider noch nicht zu Ende. Denn kaum ist sie draußen, in einer ruhigen Ecke, lässt ein anderer Hundehalter seinen unangeleinten Hund in ihren hineinlaufen, ihr Hund wird dadurch von ihr abgedrängt. Kann ihr nicht aus ihrer Situation helfen, wie es eigentlich sein Job wäre. Der andere Hund wollte ja „nur spielen“. Für die junge Frau endet dieser Ausflug im Krankenwagen und in der Klinik.

Nur eine Geschichte? Nein, leider Realität.


Vom Umgang mit PTBS- und anderen Assistenzhunden – Finger weg!Assistenzhunde allgemein: 

Es gibt heute einige Einsatzmöglichkeiten von Assistenzhunden. Ein paar stelle ich euch hier vor:

Zum einen gibt es den LPF-Assistenzhund (LPF = Lebenspraktische Fähigkeiten). Sein Einsatzgebiet sind Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, weil sie im Rollstuhl sitzen.

Mobilitätsassistenzhunde hingegen helfen Menschen, die zwar keine Hilfsmittel zum Gehen benötigen, jedoch Mobilitätseinschränkungen haben. Sie unterstützen und verbessern die Standfestigkeit und das Gleichgewicht während des Gehens. Die Hunde tragen ein spezielles Mobilitätsgeschirr bei ihrer Arbeit.

Diabetiker-, Asthma- und Epilepsiewarnhunde gehören ebenfalls zu den Assistenzhunden. Diese Hunde warnen zu einem so frühen Zeitpunkt, so dass ihre Menschen noch Zeit haben, z.B. ihre Medikamente rechtzeitig zu nehmen und helfen somit auch, Leben zu retten.

FAS-Assistenzhunde (FAS = Fetales Alkoholsyndrom) übernehmen sowohl die Aufgaben eines Assistenz- als auch Therapiehundes und helfen der ganzen Familie von betroffenen Kindern.

Signalhunde zeigen einem schwerhörigen oder gehörlosen Menschen Geräusche in der Umgebung an.

Demenz-Assistenzhunde werden zur Unterstützung von Demenzkranken und ihren Angehörigen eingesetzt.

Schlaganfall-Warnhunde können ihre Menschen vor einem Schlaganfall warnen und geben ihnen somit die Möglichkeit, frühzeitig Hilfe zu holen, um rechtzeitig medizinisch versorgt werden zu können.

PTBS-Assistenzhunde (PTBS = Posttraumatische Belastungsstörung) helfen Menschen mit PTBS und den vielzähligen Begleiterscheinungen dieser psychischen Krankheit.

Für alle diese Hunde gilt: Sie befinden sich in Arbeit und werden von anderen Menschen am besten ignoriert und es wird Abstand gehalten. Also kein Streicheln, kein Ansprechen und kein Anstarren. Genausowenig lassen wir anderen Hundehalter unsere Hunde zu diesen Hunden hinlaufen, sondern nehmen unsere Hunde gegebenenfalls an die Leine!

Vom Umgang mit PTBS- und anderen Assistenzhunden – Finger weg!

Auch hier gilt Rücksichtnahme und Empathie

Ohne auf andere und ihre Begebenheiten Rücksicht zu nehmen, ohne ein wenig Empathie für die Befindlichkeiten anderer Menschen aufzubringen, kommen wir, meiner Meinung nach, nicht weiter im Leben. Denn wo ich selbst nicht bereit bin, ein wenig von beidem aufzubringen, kann ich es auch für mich nicht erwarten. Und doch tue ich genau dies. Ich erwarte rücksichtsvolle Mitmenschen und Menschen, die empathiefähig sind. Ich bin bereit, dies auch anderen zu gewähren. Und ihr?

Die Geschichte der jungen Frau, die mit ihrem Hund zum Einkaufen ging, hätte auch anders aussehen können. Sie hätte, mit ein wenig Rücksicht und Verständnis ihrer Mitmenschen in Ruhe und ungestört ihre Einkäufe erledigen und dann wieder nach Hause gehen können. Mit dem Gefühl, etwas geschafft zu haben. Mit dem Gefühl, einen Erfolg gehabt zu haben. Mit einem guten Gefühl. Das sie so dringend benötigt. Denn ihr Leben verläuft mit ihrer Erkrankung schon schwierig genug.

Vom Umgang mit PTBS- und anderen Assistenzhunden – Finger weg!

PTBS - was ist das? Eine kurze Erklärung 

So viele Ursachen und Auslöser es für PTBS gibt, so viele Symptome weist diese Krankheit auf. Ob nun Terrorangriffe (man denke da nur an den 11. September 2001), Katastrophen, schwere Unfälle, sexuelle oder physische Gewalt, usw. dazu führen – die Betroffenen leiden unter vielfältigen Symptomen wie Angstzuständen, Panikattacken, Depressionen, Dissoziationen, Flashbacks (Rückblenden), Amnesie, Alpträumen bis hin zu Suizidgedanken und -versuchen.

Und das ist nur ein kleiner Auszug an Auslösern und Symptomen, die mit dieser Krankheit einhergehen.

PTBS schränkt das Leben extrem ein, oft genug ist nicht daran zu denken, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Auch das Verlassen der Wohnung, dieser vermeintlich so sicheren vier Wände, kann zu einem enormen Kraftakt werden.

Zu sehen ist diese Krankheit nicht. So wie alle psychischen Erkrankungen ist sie für Außenstehende nicht fassbar/greifbar. Offensichtlich scheint alles in Ordnung zu sein. Doch das ist es mitnichten.

Ein PTBS-Assistenzhund ist für viele Betroffene ein Schritt zurück ins „normale“ Leben, das sie sich so sehr wünschen. Er ersetzt nicht den Gang zum Therapeuten, macht diesen aber oft erst wieder möglich.

Vom Umgang mit PTBS- und anderen Assistenzhunden – Finger weg!Der PTBS-Assistenzhund

Welche Voraussetzungen muss so ein Hund nun mitbringen, dass er sich für die Arbeit als Assistenzhund eignet? Zum einen sollte er weder Angst, Aggression noch Unsicherheit zeigen. Der Hund sollte freundlich sein, sich nicht von den Depressionsschüben, Flashbacks oder Panikattacken seines Menschen verunsichern lassen. Vom Wesen her muss er also gefestigt und bereit sein, seinen Menschen in den verschiedensten Augenblicken der Krankheit zu unterstützen. Sicherlich ist auch eine gewisse Größe sinnvoll, um seinen Menschen dahingehend zu schützen, dass er andere Menschen abblockt und Distanz schafft.

Die Ausbildung eines PTBS-Assistenzhundes dauert einige Monate und wird ganz auf die Bedürfnisse der erkrankten Person abgestellt. Die Aufgabenstellung kann also ebenfalls bei jedem Mensch-Hund-Team so unterschiedlich aussehen, wie die Symptome bei PTBS sind.

Ein kleiner Ausschnitt an Aufgaben eines PTBS-Assistenzhundes

Blocken/Distanz zu anderen Menschen schaffen – der Hund blockt seinen Menschen nach vorne, hinten oder auch seitlich ab und sorgt so dafür, dass andere Menschen ausreichend Abstand halten.

Licht anschalten und Wecken – Alpträume kennt im Prinzip jeder Mensch und wahrscheinlich auch, wie schwierig es ist, aus diesen wieder aufzutauchen, aufzuwachen und sie abzuschütteln. Ein Leben mit PTBS bedeutet an sich schon häufig genug ein Leben im Alptraum. Diesen dann auch noch nachts durchleben zu müssen, ist extrem schwer. Das kann bis hin zu Schlaflosigkeit führen, weil man sich nicht mehr traut, ins Bett zu gehen. Der Hund weckt also seinen Menschen und schaltet auch das Licht ein. Ein wichtiger Faktor, denn Licht nimmt manchen Träumen auch den Schrecken.

Medikamente – der Hund lernt, seinem Menschen in akuten Situationen seine Notfallmedikamente zu bringen und sorgt dafür, dass er diese auch einnimmt. Ganz allgemein kann der Hund seinen Menschen auch an seine Medikamente erinnern, die dieser einnehmen muss, nicht nur in Notfall-Situationen.

Der Hund unterbricht Dissoziationen, Flashbacks und Panikattacken.

Auch große Menschenmengen können für einen an PTBS erkrankten Menschen extrem schwierig sein. Ein PBTS-Assistenzhund spürt, wenn sein Mensch nervös wird und führt ihn sicher an Menschenmengen vorbei.

So ein Hund steigert die Lebensqualität wieder enorm. Eine tolle Sache!

Vom Umgang mit PTBS- und anderen Assistenzhunden – Finger weg!Die Ausbildung...

…eines PTBS-Assistenzhundes kostet viel Geld und dauert einige Monate. Die Kosten muss jeder selbst tragen, da die Krankenkassen diese nicht übernehmen. Leider wird nur der Blindenführhund anerkannt und die Kosten werden übernommen.

In der Ausbildung lernt der Hund, seine Aufgaben zuverlässig auszuführen. Er lernt, wie er seinen Menschen aus Panikattacken, Flashbacks und anderen Symptomen zurückholen kann. Er lernt, seinen Menschen aus Alpträumen zu wecken und vorher das Licht anzuschalten. Der Hund lernt, Räume zu durchsuchen, bevor sein Mensch diese betritt, wie er Distanz zu anderen Menschen schafft oder seinen Menschen aus unsicheren Situationen führen kann und vieles mehr. So fühlt sich der Mensch in allen Lebenslagen von seinem vierbeinigen Partner beschützt.

In manchen Momenten macht es Sinn, seinem Assistenzhund eine Kenndecke anzuziehen, zum Beispiel, wenn man sich an Orten zusammen mit seinem Hund aufhält, an denen Hunde sonst verboten sind. Wie beispielsweise im Supermarkt.

Vom Umgang mit PTBS- und anderen Assistenzhunden – Finger weg!Ein wichtiger Job

Diese Hunde erfüllen eine sehr wichtige Aufgabe. Mir ist schon klar, dass so etwas auffällt. Und auch, dass wir Menschen natürlich neugierig sind. Ein Hund im Supermarkt ist ungewöhnlich. Doch gerade, weil es so ungewöhnlich ist, können wir uns doch denken, dass es einen Grund hat, warum der Hund mit dabei ist. Muss ich dann da auch noch hingehen und nachfragen? Kann ich nicht mein Bedürfnis unterdrücken, diesen Hund zu streicheln? So schwer ist das doch nicht, oder?

Genauso wenig lasse ich meinen Hund in andere Hunde hineinrauschen, ganz egal, wer dieser andere Hund ist oder was er macht. Das gebietet mir einfach der Anstand. Ich kann noch niemals wissen, was ich damit anrichte! Also lasse ich es einfach von vornherein schon bleiben!

Es gilt: Finger und Aufmerksamkeit weg von Assistenzhund und Halter/in! Gebt erkrankten Menschen eine Chance und lasst sie in Frieden ihren Dingen nachgehen, die sie eben nur zusammen mit ihren Hunden erledigen können!

Ich bitte um Rücksichtnahme und Verständnis! Zeigt, dass ihr das alle könnt!

Fotos im Beitrag © by Beas Bärenbrüder – PTBS-Assistenzhund Valentino & Conner

Vom Umgang mit PTBS- und anderen Assistenzhunden – Finger weg!
Vom Umgang mit PTBS- und anderen Assistenzhunden – Finger weg!

6 thoughts on “Vom Umgang mit PTBS- und anderen Assistenzhunden – Finger weg!”

  1. Hallo 🙂
    Ich finde dieses Thema sehr interessant. Es verblüfft mich immer wieder aufs Neue, was Hunde alles schaffen und das Leben von Menschen bereichern. Ich finde es aber auch immer wieder traurig, wie ignorant manche Menschen sind. Wenn ich als „normaler“ Hundebesitzer schon manchmal nicht möchte das mein Hund nicht gestreichelt werden soll, weil ihm solche Situationen zu viel sind und ich dann auf taube Ohren stoße, werde ich schon manchmal echt wütend. Aber das es Menschen gibt die einen klar gekennzeichneten Assistenshund trotzdem angrabbeln müssen, finde ich unmöglich.
    Dein Beitrag ist wirklich toll. Vielleicht rüttelt er den ein oder anderen wach.
    Liebe Grüße
    Fini

    1. Liebe Fini, danke für deinen Kommentar! Ja, es ist einfach unfassbar. Viele Menschen kämpfen mit der Ignoranz anderer. Gerade im Bereich Assistenzhunde kann das noch mehr nach hinten losgehen als so schon. Ich hoffe, dass ich viele Menschen erreiche, die dann vielleicht endlich einmal nachdenken!

      Viele Grüße, Antonietta

  2. Ein wichtiges Thema und gut geschrieben – danke Antonietta Matteo ! Rücksichtnahme und Verständnis – es könnte so einfach sein, nicht nur, aber besonders bei Menschen mit Assistenzhunden. Wieso muss irgendjemand erklären, dass sein Hund nicht gestreichelt werden sollte ? Das ist nicht nur bei arbeitenden Hunden eine Grenzüberschreitung.
    Hunde sehen diese Art von Zuneigung übrigens nicht immer positiv. Sie empfinden aufgezwungene Nähe als unangenehm und wundern sich über unsere fehlende Wahrnehmung. Ich kann es gut verstehen, denn wer von uns möchte durch einen Einkaufsmarkt laufen und angefasst werden ? Meine persönliche Grenze nehme ich genauso ernst wie die meines Hundes und wie die anderer Hunde.
    Ihr lieben Tierfreunde: teilt diesen Artikel, verbreitet ihn und macht so auch andere aufmerksam.

    1. Liebe Frau Sauerland, vielen Dank für Ihren Kommentar! Ich würde mir sehr wünschen, dass die Menschheit begreift, dass auch Hunde eine Individualdistanz haben und es ein absolutes No-Go ist, diese ständig zu unterschreiten. Und gerade im Assistenzhundebereich ist es ja auch für die dazugehörigen Menschen immens wichtig, in Ruhe gelassen zu werden!

      Viele Grüße, Antonietta Matteo

  3. Ja, da hast du völlig recht, liebe Antonietta.
    Auch bei den (gekennzeichneten) Therapie- und Besuchsdiensthunden kann das ein Problem sein, wenn Passanten den Hund streicheln wollen, der gerade mit einer KlientIn spazieren geht. Ebenso wenn sich freilaufende Hunde nähern. Es ist in diesem Fall natürlich etwas einfacher, die Menschen und Hunde abzuwehren, weil die/der Therapiehundeführende ja auch dabei ist.
    Die Menschen dahingehend zu sensibilisieren ist sehr wichtig.

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