Ein Hundeleben voller Grenzen? – Mit Trainingsanregungen!

Ein Hundeleben voller Grenzen?

Ein informatives und äußerst interessantes Seminar mit Gerd Schreiber liegt hinter uns. Zwei Tage wertvoller Input und eine Menge Praxistraining. Es arbeitet in unseren Köpfen – nachhaltig.

Denn immer wieder kommt die Frage auf: Wie setze ich meinem Hund Grenzen? Kann ich das überhaupt, ohne massiv auf ihn einzuwirken?

Was bedeutet es überhaupt, Grenzen zu setzen? Und halten wir Menschen uns an Grenzen, die uns gesetzt werden?

Ein Hundeleben voller Grenzen?Menschen und vom Menschen erschaffene Grenzen

Gerd Schreiber weist auf eine Grenze hin, die oft und leider oft auch mit sehr schlechtem Ausgang, überschritten wurde – die Grenze zur ehemaligen DDR. Sie war nicht zu übersehen und trotzdem wollten Menschen aus den ihnen sehr eng gesetzten Grenzen ausbrechen. Manche haben es geschafft. Viele aber auch nicht. Ein eher trauriges Beispiel für eine Grenze.

Doch auch ansonsten wollen wir Menschen uns nicht so gerne an uns gesetzte Grenzen halten und überschreiten diese, wo es nur geht. So taucht ein anderes Bild auf:

Ein Weg, ein Wegende, Büsche, eine Holzschranke, eine Wiese, Häuser, ein anderer Weg und … zwei Trampelpfade. Grenzen, die gesetzt wurden, werden umgangen. Der linke Trampelpfad ist durch die Holzschranke nicht mehr betretbar. Doch der findige Mensch, der nicht außen herum zum anderen Weg gehen möchte, hat einen zweiten Trampelpfad geschaffen – auf der rechten Seite der Büsche. Entsteht hier auch eine Grenze, eine Holzschranke, so wird sich der Mensch wieder einen Weg suchen, der irgendwie durch diese Hindernisse hindurchführen wird. Was wäre die bessere Lösung? Einen Weg durch die Wiese anzulegen, auf dem man ohne schlechtes Gewissen einfach gehen kann, um eben nicht außer herum gehen zu müssen.

Übertragen auf unsere Hunde? Legen wir doch einfach unseren Fokus auf gutes Verhalten und verstärken dieses! So erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass es häufiger gezeigt wird. Eine tolle Möglichkeit!

Ein Hundeleben voller Grenzen?Grenzen „klar machen“?

Wir Menschen umgehen also ganz gerne mal die eine oder andere Grenze. Achten wir auf Trampelpfade, können wir diese Grenzüberschreitungen recht gut erkennen. Es gibt derer viele…

Und unseren Hunden wollen wir „klar machen“, was sie aus unserer Sicht nicht machen sollen – NICHT auf die Couch gehen zum Beispiel, NICHT ins Bett hopsen, uns nicht stören bei was auch immer wir gerade tun, folgsam und brav sein, den Mülleimer in Ruhe lassen, kein Essen vom Tisch klauen, oder… oder… oder… Ist das wirklich sinnbringend?

Es ist ganz schön viel, was unsere Hunde lernen müssen, um in unserer Gesellschaft bestehen zu können. Um den Anforderungen gerecht zu werden, die wir Menschen an sie stellen. Und das alles noch dazu in einer Welt, in der HundehalterInnen immer mehr Intoleranz entgegengebracht wird.

Dabei vergessen wir immer wieder, wie eingeschränkt letztendlich so ein Hundeleben sowieso schon ist. Wir bestimmen über ihren Tagesablauf, wann sie was zu fressen bekommen, wann wir mit ihnen rausgehen, wohin wir mit ihnen gehen, ob sie an der Leine oder freilaufen dürfen. Und so vieles mehr.

Liegt der Fokus auf allen Dingen, die ein Hund NICHT tun soll, so kann ich ihm nur Mittels Abbruch eine Grenze setzen. Lege ich den Fokus jedoch auf Dinge, die ich gut finde, so minimiere ich schlechtes Hundeverhalten, ohne ständig Strafreize zu setzen. Was tun?

Ein Dschungel an Möglichkeiten – Methoden vorgestellt

Zwei der nicht ganz so netten Möglichkeiten:

Ein Hundeleben voller Grenzen?Lenken und Grenzen setzen

Eine „Methode“ bzw. ein ganzer Strauß an verschiedenen Möglichkeiten, unserem Hund zu zeigen, was er darf und was er nicht darf. Ja, eine Möglichkeit von vielen, Grenzen aufzuzeigen.

Eine mögliche Übung hierzu:

Geübt wird hier am Flatterband, das über eine gewisse Strecke aufgebaut wird. Ich gehe links vom Flatterband, mein Hund soll rechts davon gehen. Das Band befindet sich zwischen uns. Grenze? Der Hund soll auf seiner Seite bleiben und nicht zu mir herüberkommen. Versucht er das, blocke ich ihn ab – je nach Hund bedarf es kleinerer oder auch größerer Gesten, um ihn davon abzuhalten, diese Grenze zu überschreiten. Hier werden also durchaus aversive Methoden eingesetzt. Je nach Hund und Sensibilität kann ich meinen Hund mit dieser Form des Grenzensetzens ganz schön verschrecken. Da muss ich mir einfach die Frage stellen, ob ich das möchte. Ich für meinen Teil will so nicht arbeiten.

Ein Hundeleben voller Grenzen?Tabudecke

Ich lege eine kleine Decke auf den Boden und knie mich darauf. Nun werfe ich meinem Hund Leckerchen zu – auf den Boden vor der Decke. Erkläre ihm mit dem Wort „Nimm“, dass er diese Leckerchen gerne fressen darf. Klingt nett soweit? Dann lege ich ein Leckerchen auf die Decke. Natürlich möchte der Hund auch dieses haben. Doch ich blocke ihn ab und sage dabei das Wort „Tabu“. So lernt er, die Leckerchen auf „Nimm“ zu nehmen (außerhalb der Decke) und die Leckerchen auf der Decke als Tabu anzuerkennen. Hm. Noch eine eher unfreundliche Methode, um meinem Hund eine Grenze beizubringen. Manch ein Hund lässt sich durch das Abblocken mit der Hand schon davon abhalten, sich dem Leckerchen auf der Decke zu nähern. Und was tun mit einem Hund, der sich an der blockenden Hand vorbei das Leckerchen holen möchte? Naja, da müsste ich dann schon heftiger agieren, ihn wegschieben oder mehr, um ihm „klar zu machen“, NEIN, das geht jetzt nicht! Ja. Unfreundlich. Zielführend?

Bei den beiden oben genannten Methoden lege ich viel zu sehr den Fokus auf unerwünschtes Verhalten. Ja, eigentlich fordere ich unerwünschtes Verhalten geradezu heraus, um dem Hund dann sagen zu können: „Nö, so nicht!“

Wir Menschen kennen es meist nicht anders. Sind von Kindheit an gewöhnt, dass unerwünschtes Verhalten bestraft wird und gutes Verhalten höchst selten gelobt – denn nicht geschimpft ist gelobt genug! Wer kennt ihn nicht, diesen Spruch?! Aus diesem Denken und Handeln auszubrechen und Dinge anders anzugehen, ist also alles andere als einfach. Aber machbar.

Wesentlich freundlichere Methoden sind beispielsweise:

Ein Hundeleben voller Grenzen?Barriereclickern

Ein Feldweg, ein Feld auf der rechten und eine Wiese auf der linken Seite. Wir gehen mit unserem Hund den Weg entlang. Mein Ziel bei diesem Training ist, dass mein Hund die Barriere zum Feld nicht überschreitet. Auf die Wiese darf er ohne Weiteres gehen.

Also markere ich (ob mit Markerwort oder Clicker), sobald sich mein Hund auf die von mir gedachte Grenze zum Feld hin bewegt und belohne ihn von meiner erdachten Grenze weg auf der anderen Seite des Weges. Das wiederhole ich solange, bis mein Hund an dieser Grenze in Erwartung eines Clicks stehen bleibt. Er zeigt also ein Alternativverhalten, das ich markern und belohnen kann.

Im nächsten Schritt warte ich, ob mein Hund dieses Alternativverhalten an der Grenze von alleine zeigt. Dann markere und belohne ich dies!

Ich wiederhole diese Übung solange, bis mein Hund sicher sein Alternativverhalten zeigen kann. Jetzt kann ich auch z.B. ein entspanntes Stehen markern und übe so das entspannte Warten vor dieser Barriere.

Diese Übung kann ich überall einsetzen, wo ich von meinem Hund erwarte, vor einer Barriere stehen, sitzen oder liegen zu bleiben. Also auch am Spielplatz oder an einer Straße, die wir überqueren müssen.

Ein Hundeleben voller Grenzen?Verhalten einfangen

Eine andere Möglichkeit ist das Einfangen von Verhalten. Abgesehen davon kann ich das überall, egal wo wir uns aufhalten, anwenden. Ob nun auf dem Spaziergang oder zu Hause und ohne extra Übungszeit dafür aufwenden zu müssen.

Wieder benötige ich nur meinen Clicker oder ein Markerwort. Und die Belohnung, denn ein Marker ist ein Versprechen auf eine Belohnung! (Siehe Clicker-Artikel). Mehr ist nicht nötig.

  • Mein Hund läuft auf mich zu? Eine wunderbare Gelegenheit, zu markern und belohnen!
  • Er setzt sich hin! Klasse! Marker und Belohnung!
  • Mein Hund sieht mich an? Zack, Klick, Jepp!!! Ja, genau. Marker und Belohnung!
  • Mein Hund guckt einen anderen Hund an? Super! Marker und Belohnung!
  • Die Leine hängt locker durch? Wunderbar! Marker und Belohnung!

Diese Reihe lässt sich beliebig fortführen. Eine wunderbare Methode, um gutes Verhalten zu verstärken. Ihr werdet merken, dass euer Hund dieses gute Verhalten dann immer öfter zeigt, einfach weil es sich für ihn lohnt! Und er wird beginnen, diese Verhaltensweisen immer öfter bewusst anzubieten.

Nach und nach kann ich dann beginnen, Signale für von mir gewünschte Verhaltensweisen einzuführen. Ein „Stopp“, wenn ich stehen bleibe, ein „Sitz“ an der Ampel, ein „zu mir“, wenn wir einen Jogger oder Radfahrer sehen.

Perfekt, oder?

Ein Hundeleben voller Grenzen?Rituale und Gewohnheiten schaffen

Immer gleiche Abläufe geben Sicherheit. Denke ich an die Anfangszeit zurück, konnte schon die geringste Abweichung dazu führen, dass unser Hund völlig verunsichert war. So lebte damals, als Paolo zu uns kam, meine Tochter mit ihrem kleinen Hund noch bei uns. Zusammen rausgehen war für Paolo also nach kürzester Zeit normal. Als der Hund meiner Tochter dann einmal eine Urlaubswoche bei meinen Eltern verbrachte, war Paolo sehr irritiert und wollte die ersten Tage morgens nicht mehr aus dem Haus.

Neue Gegenden haben ihn ebenfalls sehr aufgeregt werden lassen. Anfangs war es also wichtig, immer die mehr oder minder gleichen Gassistrecken zu gehen. Heute sieht das anders aus. Mittlerweile kennt er es, auch einmal neue Gegenden zu erkunden und ist längst nicht mehr so verunsichert wie am Anfang.

So kleine Rituale, die sich bei uns eingebürgert haben, ohne wirklich beabsichtigt gewesen zu sein, sind zum Beispiel diese:

Sobald ich mich Richtung Regal bewege, in dem meine Zigaretten liegen (ja, ich rauche…), geht Paolo zur Terrassentür und wartet dort auf mich. Und dann gehen wir gemeinsam in den Garten. Ich rauche und er guckt, was im Garten so los ist.

Ein Hundeleben voller Grenzen?Unser zweites Ritual (gesünder für uns Menschen ist es auf jeden Fall) haben wir, wenn wir nach Hause kommen. Dann läuft Paolo immer zum Schrank im Wohnzimmer, in dem seine Leckerlis sind und holt sich seine Kaustange ab.

Abends sage ich immer zu ihm „komm, wir machen es uns gemütlich“, dann setz ich mich auf die Couch und er kommt hoch, legt sich hin und schläft. Habe ich jedoch noch zu tun und sitze am Computer, wird er oft eher unruhig. Doch sobald wir auf die Couch umziehen, kann er herunterfahren und schlafen.

Rituale helfen uns also auch in der Hundeerziehung. Begrüßungssituationen können für Hunde ja recht aufregend sein. So sehr, dass sie völlig aus dem Häuschen sind und um alle herumhüpfen. In solchen Situationen kann es helfen, den immer gleichen Ablauf zu üben, den man sich für das Hundeverhalten wünscht. Das ist nicht für jeden Menschen und Hund gleich. Jeder muss für sich entscheiden, wie er so eine Begrüßungssituation handhaben möchte. Paolo ist eher zurückhaltend, springt aber auch gerne mal an einem von uns hoch, wenn er hereinkommt. Da uns das aber nichts ausmacht und er das bei Besuchern nicht macht, stört uns dieses Verhalten bei ihm nicht. Er hüpft auch nicht aufgeregt herum, sondern kommt ruhig an und hüpft einmal hoch um „Hallo“ zu sagen. Das war’s dann auch schon.

Bei der täglichen Fütterung mussten wir absolut nichts ändern. Denn er sitzt dann immer brav neben einem und wartet auf sein Futter – ohne hibbeln, ohne nerven oder sonstige unschöne Angewohnheiten. Selbst wenn wir unterwegs waren und er sein Futter später als gewohnt erhält, wartet er sitzend darauf. Und das bereits vom ersten Tag an

Zum Thema Rituale in der Hundeerziehung gibt es auch noch einen schönen Artikel von Karin Immler!

Ein Hundeleben voller Grenzen?Umdenken und auf gutes Verhalten achten

Es lohnt sich auf jeden Fall. Natürlich erfordert ein Umdenken und Umlernen auch bei uns Menschen seine Zeit. Und geschieht nicht von heute auf morgen. Aber wir schaffen das. Wir müssen nur üben. Und ich kann ganz einfach anfangen. Mein Hund läuft gerade an lockerer Leine? Prima!!! Loben, was das Zeug hält!!! Er hat alle vier Pfoten auf dem Boden, wenn ich hereinkomme? Klasse!!! Belohnen fällt hier doch ganz leicht!!! Es klingelt und unser Hund liegt brav und ruhig in seinem Körbchen? Wunderbar!!! Wir achten einfach nur auf gutes Verhalten und schon können wir unserem Hund sagen, dass er das super macht! Welch wundervolle Möglichkeiten eröffnen sich uns da! Einfacher geht’s doch kaum!

In diesem Sinne wünsche ich allen ein wunderschönes Oktober-Wochenende mit viel Sonne draußen und im Herzen!

 

Alle Vektorgrafiken (drei verschiedene Hunde, Holzzaun, Sofa, Stacheldraht, Blumenwiese, Decke, Frau mit Hund, Mensch kniend, Hand, Feld symbolisierendes Gewächs) sind von Pixabay. Die Fotos und Grafiken sind von mir.

 

LEin Hundeleben voller Grenzen?

 

 

 

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