Jolly – ehemaliger Straßenhund aus Mallorca

Jolly – ehemaliger Straßenhund aus Mallorca

Ein Gastbeitrag von Sabrina Cavelti

Kann es funktionieren, einen Straßenhund in unser westliches Leben zu integrieren? Ja, das kann es sicherlich! Daher freue ich mich über diesen Gastbeitrag von Sabrina Cavelti, die genau darüber berichtet. Sie hat sich ihre Entscheidung für Jolly nicht einfach gemacht, lange Zeit überlegt und dann beschlossen, Jolly nach Deutschland zu holen. Denn in ihr Herz hatte er sich schon lange eingeschlichen und sich dort festgesetzt:

Jolly – ehemaliger Straßenhund aus MallorcaJolly, der Straßenhund aus Mallorca in der Warteschleife

Jolly, ein kleiner unscheinbarer Ratero Bodeguero, wartete schon über ein Jahr vergeblich auf sein zu Hause. Er befand sich in Mallorca in einer Auffangstation für Hunde von der Straße und der Tötung.

Niemand schien ihm ein Plätzchen geben zu wollen.

Ich beobachtete ihn das ganze Jahr über immer wieder, hatte allerdings zu dieser Zeit, neben meiner Podencodame (ebenfalls aus Spanien), noch eine Pflegehündin von der gleichen Organisation. Immer wieder schaute ich auf der Website nach, ob er nach wie vor heimatlos ist. Er ließ mir einfach keine Ruhe!

Dann kam der Tag, an welchem meine Pflegehündin ihr eigenes zu Hause fand. Ich schaute natürlich gleich auf der Seite der Auffangstation nach Jolly... Und dann? Jolly war reserviert und ich fing fast an zu heulen, telefonierte mit der Organisation und vereinbarte, dass, falls irgendetwas schiefgehen würde, er gleich zu mir kommen könne.

Ich hatte jedoch wenig Hoffnung, dass er doch noch seinen Weg zu mir finden würde!

Jolly – ehemaliger Straßenhund aus MallorcaSpitzname Knipser – wie wahr!

Doch dann, einen Tag später kam ein Anruf, die Organisation brauchte Hilfe! Der Flug für Jolly war gebucht, doch die Familie wollte ihn plötzlich nicht mehr haben, er passe nicht in ihre Familie.

Ich war überglücklich, organisierte alles, damit ich ihn rechtzeitig am Flughafen in Basel abholen konnte.

Ich wusste, dass es nicht einfach werden würde. Jolly trug den Spitznamen Knipser. Das kam nicht von ungefähr! Regelmäßig biss er seinen Pfleger in die Waden. Er wurde auch als hyperaktiv beschrieben, kam nur selten zur Ruhe. Dabei war er einfach nur hilflos, suchte Aufmerksamkeit und Liebe. Er war mit seinen kleinen 35cm Schulterhöhe weitaus der kleinste in seiner Gruppe und wurde immer von allen weggedrängt. Er wusste sich einfach nicht anders zu helfen, als alle, die das Terreno betraten, zu knipsen.

Dann kam er also an, nach Mitternacht, ich war so gespannt und konnte kaum warten, bis ich ihn endlich in die Arme schließen konnte. Alle anderen Hunde kamen, ich wurde immer nervöser, bis dann endlich mein Hundejunge kam. Es war Liebe auf den ersten Blick!

Jolly – ehemaliger Straßenhund aus MallorcaJolly und seine Ängste

Schnell war klar, dass er sehr viel Schlimmes erlebt haben muss in Spanien. Er hatte Angst vor fremden Hunden, Männern, auch in die Augen schauen durfte ihm niemand außer mir. Mir schaute er so lange in die Augen, bis ich seinen Blick erwiderte, dann schloss er die Augen und wurde ruhig.

Auch vor lauten Geräuschen und fahrenden Autos, LKW's hatte er Angst und reagierte mit Aggression. Er wollte alles verbellen, ging auf Männer los, traute sich aber nie ganz ran. Ich konfrontierte ihn immer wieder mit Männern, gab diesen aber die Anweisung, ihn vollkommen zu ignorieren, bis er von sich aus Mut fasst und selbst hingeht.

Er kann aber bis heute seine Angst nicht komplett ablegen. Er erträgt noch immer keinen Blickkontakt mit Männern, wie auch keine Männer, die vor ihm stehen. Er reagiert mit Bellen, hat aber gelernt auszuweichen um sich so den Platz zu schaffen, welchen er braucht, um es zu ertragen.

Jolly und ich haben eine ganz spezielle Beziehung, er ist mein SEELENHUND. Wir verstehen uns, ohne die gleiche Sprache zu sprechen, wir können uns stundenlang in die Augen schauen, stundenlang kuscheln.

Jolly – ehemaliger Straßenhund aus MallorcaJede Veränderung bei mir merkt er sofort, egal, ob positiv oder negativ

Als ich im 2015 schwanger war und eine sehr schlechte Schwangerschaft hatte, ging es Jolly gleich.

Er fraß kaum noch und das, was er fraß, erbrach er wieder. Ich ging bis kurz vor dem Geburtstermin in jede Klinik mit ihm, doch organisch war außer seinem Megaösophagus, welcher schon länger bekannt war, nichts zu finden.

Alle gaben die Hoffnung auf, alle sagten, dass ich mich verabschieden muss von ihm, er wog noch knapp 5kg, jeder Knochen war zu sehen und er wurde immer schwächer. Ich weinte tagelang, ich hatte solche Angst um meinen Herzenshund.

Der Tag der Geburt kam, Freitagmittag kam mein Sohn zur Welt. Als sie mich fragten, welchen Wunsch ich hätte, antwortete ich natürlich, dass ich so schnell wie möglich heim zu meinen Tieren wolle, was ich dann auch machte.

Sonntagmittag ging ich nach Hause. Jolly begrüßte sofort den kleinen Mann, den er ja schon vor der Geburt kannte, da er jede Nacht an meinen Bauch gekuschelt schlief. Was er auch jetzt noch macht. Von diesem Tag an, ging es Jolly immer besser, da auch ich mich von der schwierigen Schwangerschaft erholte.

Im Nachhinein war mir klar, dass Jolly einfach mit mir litt, es ging ihm schlecht, weil es mir schlecht ging. Das zeigt, welche tiefe Verbundenheit wir zwei miteinander haben und hatten.

Jolly – ehemaliger Straßenhund aus MallorcaHerausforderung Straßenhund?

Klar, ist es immer eine Herausforderung, einen Straßenhund bei sich aufzunehmen, bei dem man nicht weiß, was er alles erlebt hat. Aber alles Gelernte stärkt die Bindung und Beziehung enorm und es ist einfach schön zu sehen, wie diese Hunde ihr Leben in Sicherheit genießen können.

Einmal Straßenhund, immer Straßenhund 😊

 

 

Jolly – ehemaliger Straßenhund aus Mallorca

 

Über die Autorin:

Sabrina Cavelti lebt mit ihrer Familie und ihren Tieren in der Schweiz.