Ein Straßenhund beginnt sein Leben in Deutschland –

Ein Straßenhund beginnt sein Leben in Deutschland –

oder – es ist nicht immer alles Gold was glänzt! - Ein Gastbeitrag von Tatjana Grimmer-Luppen

Tatjana erzählt uns heute in ihrem Gastbeitrag die Geschichte über ihren Seelenhund Lenny, einem ehemaligen Straßenhund aus Rumänien. Er hat ihr Herz im Sturm erobert und ihr das Leben sicher nicht immer leicht gemacht - doch das hat Tatjana nicht davon abgehalten, ihm das Leben zu erleichtern und schön zu machen. Sie hat sich viel Mühe gegeben, aus dem findigen und nicht ganz unkomplizierten Hund einen passablen Begleiter zu machen und war bis zu seinem letzten Atemzug an seiner Seite. 

Und die Geschichte beginnt:

Angefangen hat alles als Gassigeherin im Tierheim. Mein Mann machte mir damals den Vorschlag, mir ein Hobby zu suchen. Gesagt, getan: ich wurde also Gassigeherin. Anfangs nur mit kleinen und einfachen Hunden. Doch nach kurzer Zeit schon merkten die Mitarbeiter, dass ich auch mit den „verhaltensoriginelleren“ Hund gut zurechtkam. Fast jeden Tag ging ich Gassi, mal mit dem, mal mit einem anderen Hund…bis zu Tag X.

Ein Straßenhund beginnt sein Leben in Deutschland –Lenny

An diesem Tag war Hundeschule angesagt und ich hatte einen kleinen Pinscher bei mir, der alles konnte und immer gerne machte, was man ihm sagte. In der anderen Ecke des Platzes beobachtete ich einen Hund, sein Name war Lenny. Nicht besonders hübsch, und offensichtlich nicht gewillt, die Übungen in der Hundeschule mitzumachen. Egal was sein Gassigeher tat, Lenny setzte sich nicht hin. Auch Leckerlis halfen nicht. Ich war begeistert von dieser Sturheit. Nach der Hundeschule sprach ich die Trainerin an und fragte wie man ihm das „Sitz“ wohl am besten beibringen könnte. Sie meinte: „Das Einzige, was hier vielleicht noch helfen kann, ist, sich mit ihm auch eine Wiese zu stellen und zu warten, bis es Lenny langweilig wird und er sich von selbst hinsetzt.“

Hörte sich für mich eher so an, als wenn das schnell gehen könnte. Welcher Hund bleibt schon gern lange stehen? Und ich bin geduldig! Lenny und ich standen also eine volle Stunde auf einer Wiese, wo nichts passierte. Beide standen wir da, grüßten die paar Radfahrer das 100. Mal und warteten. Nach einer Stunde dann endlich: Lenny setzte sich hin und kassierte ein Leckerli. Ich war so unglaublich stolz. Ein paar Wochen später machten wir das Gleiche mit „Platz“… das dauerte aber nur noch 45 Minuten. Meine Geduld zahlte sich also aus.

Lenny und ich kamen uns immer näher. Schmusten im Zwinger, gingen Gassi, erlebten so einiges miteinander. Seine Vorgeschichte war fast unbekannt. Das Tierheim hier bei uns hatte ihn aus Rumänien mitbringen lassen. Dort war er in der Smeura, davor lebte er viele Jahre auf der Straße. Was er genau erlebt hat, weiß keiner. Acht Jahre war er bereits alt, als er in mein Leben trat. Irgendwann nahm ich Lenny mal mit nach Hause und zeigte ihn meinem Mann. Eigentlich wollte er keinen Hund, stimmte aber trotzdem zu.

Als ich alles geklärt hatte (Vermieter, Betreuung usw.), gab es für Lenny plötzlich andere Interessenten. Meine ganze Hoffnung, meine Liebe…alles zerbrach. Doch einen Tag später erfuhr ich, dass die Leute abgesprungen sind. Sofort machte ich den Vertrag und nahm Lenny mit nach Hause. Mein erster eigener Hund – ein totaler Anfängerhund aus Rumänien.

Ein Straßenhund beginnt sein Leben in Deutschland –Anfängerhund?

Heute, nach 6 Jahren kann ich sagen: nein. Lenny war kein Anfängerhund. Warum? Das kann ich gern erzählen.

Nach nur wenigen Tagen (ich glaub, es waren 3-4 Tage), Lenny lag im Schlafzimmer, kam mein Mann herein. Und der liebe, ruhige Lenny zeigte die ganze Pracht seiner Zähne. Und ich saß, leicht sprachlos, ebenfalls im Schlafzimmer. Viele hätten zu diesem Zeitpunkt schon aufgeben und den Hund wieder ins Tierheim zurückgebracht. Aber ich liebte Lenny damals schon und so bekam mein Mann die Aufgabe, mit Lenny zu trainieren. Ab diesem Zeitpunkt durfte nur mein Mann mit ihm spazieren gehen und auch das Futter gab es nur von ihm aus der Hand. Nach ein paar Wochen war das Problem erledigt.

Aber Lenny wäre ja nicht Lenny, hätte er nicht eine neue Überraschung parat. Im Oktober, auf der Geburtstagsfeier meines Vaters, verteidigte Lenny einen Kauknochen. Diesmal bekam ich die Zähne gezeigt. Doch ich setzte mich durch. Ich nahm ihm den Knochen zwar nicht ab, schickte ihn aber auf einen anderen Platz. Die ganzen Jahre, die Lenny bei mir lebte, war er futteraggressiv bei Menschen. Einzig mein Vater und ich konnten ihm Futter wegnehmen, wenn es nötig war.

Wir drei besuchten regelmäßig die Hundeschule und lernten viel. Ich über Hunde und deren Sprache (und die beherrschte Lenny super), und Lenny lernte den Umgang mit Menschen und dass man keine Angst haben muss, z.B. vor Menschengruppen, denen er gerne auswich. Auch unsere Bindung wuchs und wuchs.

Leider auch die Probleme. Denn Lenny fing an, Besuch nicht mehr in unsere Wohnung zu lassen, er schnappte nach deren Beinen. Ein paar Freunde stellten sich freiwillig zur Verfügung, um das zu trainieren.

Dazu kam noch seine Unverträglichkeit mit anderen Hunden. Die meisten denken nun wohl: der Hund kam doch aus Rumänien, die kennen doch Hunde! Ja…natürlich. Aber dort gab es eine funktionierende und geordnete Gruppe an Hunden und jeder wusste, wo sein Platz war. Und genau da wurden sie herausgeholt, kastriert und kamen in ein Tierheim mit neuen Hunden. Wenn man dann diese Hunde nach Deutschland in Familien steckt, kommt es gern auch zu Konflikten mit Hunden oder anderen Problemen. Am wenigsten mochte Lenny Huskys. Die einzigen Hunde, die er mochte waren Welpen und Hunde bis zum Alter von sieben Monaten, Rumänen, Bulgaren und seine Freunde vom Einzug. Bei allen anderen war die Party groß.

Ein Straßenhund beginnt sein Leben in Deutschland –Jessy und Lenny

Trotz der ganzen Probleme holte ich nach ca. 6 Monaten dann noch einen Welpen dazu. Jessy war eine Rottweilerhündin, vier Monate alt. Die beiden verstanden sich auf Anhieb, nur kuscheln wollte Lenny nie. Die Jahre vergingen und wir wussten mit Lennys Problemen umzugehen. Die lustigsten Tage waren immer die, an denen Lenny alles Mögliche unternahm, um an Essbares zu kommen. Auf den Schrank klettern, Schubladen öffnen, Türen öffnen, Futterdosen aufnagen und in der Wohnung verteilen, Biomüll im Wohnzimmer verteilen – das alles machte er mit großer Leidenschaft!

Er schaffte es sogar einmal, einen zwei Meter hohen Schrank für eine Chipstüte zu erklimmen und zu Weihnachten vernichtete er mal 14 Überraschungseier (allerdings ausgepackt und ohne das gelbe Plastikei). Was Futter anging, war Lenny einmalig und brachte Jessy natürlich alles bei. So gleicht meine Küche heute einem Hochsicherheitstrakt: Schiebetür, davor ein Kindergitter, zwei Hakennägel…manchmal steht sogar davor noch ein Stuhl.

Intelligenzspielzeuge waren nie ein Problem und wurden mit Freude gelöst, schneller als man schauen konnte. Lenny war ein schlaues Kerlchen und begeisterte mich jeden Tag aufs Neue. Leider hatte er Probleme mit dem Rücken und musste wöchentlich zur Physiotherapie. Anfangs hatte er Probleme zu vertrauen, sich hinzulegen und zu entspannen. Aber auch das wurde mit den Jahren besser.

Lenny hatte auch ein Hobby: er war Therapiehund im Altersheim. Der früher ängstliche Hund, ging schwanzwedelnd ins Heim, um sich von den Menschen dort knuddeln zu lassen. Außerdem durfte er fast immer mit zu meinen Vorbesuchen, die ich für den Tierschutz machte.

Ein Straßenhund beginnt sein Leben in Deutschland –Abschied

Etwas mehr als sechs Jahre lebte Lenny bei uns. Wir bekamen am 31.10.2016 die schreckliche Nachricht, dass Lenny zwei Tumore hat. Lenny war schon einige Tage komisch und sein Bauch sehr dick. Der Tierarzt gab uns Cortison. Davon ging es Lenny noch viel schlechter. Er bekam Durchfall und es ging ihm richtig dreckig. Durch eine liebe Freundin fand ich einen Homöopathen. Wir setzten das Cortison ab und er bekam drei Mal die Woche eine Spritze. Statt zwanzig Tage hatten wir noch einen Monat mit ihm. In der Zeit trafen wir viele seiner Freunde, machten am Wochenende 2-2,5 Stunden lange Spaziergänge, gingen weiterhin ins Altersheim. Wir setzten uns an den Bach und genossen die Zeit zu zweit. Leise flüsterte ich ihm immer wieder ins Ohr: Lenny, wenn du gehen willst dann zeig es mir…ich helfe dir.“

Am 01.12.2016 schloss Lenny, mit einem stolzen Alter von 14,5 Jahren, für immer seine Augen. Seinen Kopf auf meinem Arm. Mit vollem Magen und zufriedenen Blick, durfte er seine letzte Reise antreten. Wir vermissen Lenny hier sehr. Er war ein einmaliger Hund. Wir hatten Höhen und Tiefen. Durch die Tiefen habe ich sehr viel gelernt. Durch die Höhen sehr viel geliebt. Lenny bleibt unvergessen und seine Geschichte soll allen Menschen eines zeigen: es ist nicht immer einfach, einen Hund aus dem Ausland zu adoptieren. Sie bringen ihr Päckchen mit, häufig ist das sogar unbekannt. Aber wenn man kämpft und liebt, schafft man alles und kann am Ende, wenn der Regenbogen ruft, stolz und glücklich sein.

Ein Straßenhund beginnt sein Leben in Deutschland –
Über die Autorin:
Tatjana Grimmer-Luppen lebt sehr ländlich in der Nähe vom Stuttgarter Flughafen. Sie ist seit sieben Jahren im Tierschutz aktiv. Ansonsten arbeitet sie im Büro, geht ab und an ins Fitness, singt gern im Auto und liest, wenn sie die Zeit dazu findet 😛. Tatjana liebt ihre Familie, vor allem ihre Nichte, die jetzt 1,5 Jahre alt ist. Jetzt hat sie nur noch einen Hund, Jessy, 6,5 Jahre alt und ein Rottweiler. Dazu noch zwei Kaninchen und 6 Wellensittiche und ein Aquarium. Für den Tierschutz war sie im Tierheim tätig, in der Slowakei und momentan in Deutschland.
Ach ja, und Tatjana fotografiert sehr gerne! Die Bilder in diesem Artikel stammen alle von ihr, bis auf das Titelbild. Das hat eine Freundin von Tatjana gemacht - als Regenbogenshooting! Die Bildrechte liegen bei MK Fotokunst - Michaela Köhler.

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