Hilfe, mein Hund jagt?

Hilfe, mein Hund jagt?

Als Paolo zu uns kam und wir erste Anzeichen entdeckten, dass dieser Hund auch jagdlich interessiert ist, dachte ich mir erst „Nein, das mag ich aber nicht!“ – Hilfe, mein Hund jagt? Ja, mein Hund würde jagen, wenn ich ihn denn ließe. Ich habe es akzeptiert und nicht nur das. Ich bin fasziniert, was für Spezialisten unsere Hunde doch sind!

Und mittlerweile weiß ich natürlich auch einiges mehr über das Jagdverhalten, nicht nur aufgrund meiner Ausbildung zur Hundetrainerin. Sondern auch, weil es mich interessiert, ich einiges darüber lese und gelesen habe und zusätzlich noch ein Seminar über „Jagende Hunde“ bei unserer Hundetrainerin besucht habe.

Kann ich denn zulassen, dass mein Hund jagt? Nein, das kann ich natürlich nicht, denn ich möchte auf gar keinen Fall das Leben unserer Wildtiere und auch nicht das meines Hundes riskieren. Außerdem gibt es ein Jagdgesetz mit klaren Regeln.

Hilfe, mein Hund jagt?Das Jagdgesetz

Das Jagdgesetz regelt das Jagdrecht einer Nation oder Region. Ergänzt wird dieses oft von regionalen Jagdgesetzen und Verordnungen. In Deutschland wird der größte Teil des Jagdrechts im Bundesjagdgesetz als Rahmengesetz und in den jeweiligen Jagdgesetzen der Länder (Landesjagdgesetze) geregelt.

 

Wir leben in Bayern und hier ist das Bayerische Jagdgesetz zuständig. Unsere Hunde betrifft besonders dieser Abschnitt des Bayerischen Jagdgesetzes: Art. 42 (1) Aufgaben und Befugnisse der Jagdschutzberechtigten.

Hilfe, mein Hund jagt?Der nicht jagende Hund?

Den gibt es wohl eher nicht. Es gibt Hunde, deren Jagdverhalten nur sehr gering ausgeprägt und somit gut zu kontrollieren ist. Wegzüchten kann man es jedoch nicht, man kann es nur durch eine entsprechende Zuchtauswahl beeinflussen. So kann auch ein Hund mit wenig ausgeprägtem Jagdverhalten unter Umständen Interesse am Jagen entwickeln, denn manchmal bedarf es nur eines klitzekleinen Moments und das Jagdverhalten wird ausgelöst. Auch hierfür kann es ein erstes Mal geben. Muss nicht, kann aber!

Denn Jagdverhalten ist genetisch fixiert. Und wenn sich Genetik mit Lernerfahrung und einer guten Portion Spaß paart, dann – ja dann kann’s losgehen!

Hilfe, mein Hund jagt?Was genau ist Jagdverhalten?

Jagdverhalten wird durch einen genetisch fixierten Auslöser ausgelöst und wird in einer genetisch fixierten Abfolge gezeigt. Und es handelt sich um sich selbst verstärkendes Verhalten. Eine Jagdfunktionskette setzt sich aus verschiedenen Sequenzen zusammen. 

Jagdverhalten kann man grob in vier Handlungsabläufe gliedern, die sich in einer Jagdfunktionskette folgendermaßen aufgliedern lassen:

 

Hilfe, mein Hund jagt?Je nach Veranlagung und Rasse werden einzelne Sequenzen der Funktionskette in abgeschwächter oder auch deutlicherer Weise gezeigt. Es können auch einzelne Sequenzen fehlen.

Das Jagdverhalten beginnt mit dem Suchlauf. Eine innere Motivation, oft Hunger, bringt den Wolf/Hund dazu, auf die Suche zu gehen. Die Suche nach Beute. Dazu muss noch kein äußerer Reiz vorhanden sein, wie z.B. eine Duftspur oder potentielle Beute. Das Verhalten des Wolfes/Hundes ist somit noch ungerichtet, da es sich nicht auf ein bestimmtes erschnüffeltes oder gesichtetes Tier bezieht.

Auf den Suchlauf folgt die Taxis, das FIXIEREN der Beute. Kurz erstarrt unser Wolf/Hund, wenn er etwas entdeckt hat, das Beutecharakter hat, egal ob er es erschnüffelt, gehört oder gesehen hat. Ein kurzer Moment der Ruhe, das ungerichtete Verhalten schaltet in das gerichtete um, das kann vom Bruchteil einer Sekunde bis hin zu mehreren Sekunden dauern.

Und dann geht es los. Wolf/Hund hat die Beute fest in der Nase oder im Blick, er pirscht sich an, verfolgt / hetzt seine Beute bis hin zum erfolgreichen Ausgang dieser Jagd – das Erlegen und Töten und Fressen der Beute.

Hilfe, mein Hund jagt?Der Glückscocktail im Gehirn

Jagen ist ein selbstbelohnendes System. Möglich wird dies durch die Ausschüttung von Dopamin (ein Neurotransmitter – ein Botenstoff zwischen zwei Nervenzellen), das unter anderem auch als Belohnungssystem im Gehirn dient. Es sorgt auch dafür, dass unser Hund immer wieder jagen will – und wieder und wieder…. Eine Wiederholung des Vorgangs ist somit vorprogrammiert.

Zusätzlich werden dann noch Endorphine ausgeschüttet, die mit ihrer Funktion als Glücklichmacher nun dafür sorgen, dass unsere Hunde Jagen so richtig toll finden. Zusätzlich bewirkt dann das Zusammenspiel von Dopamin und Stresshormonen, die beim Jagen ausgeschüttet werden, dass unsere Hunde im Laufe der Funktionskette immer weniger ansprechbar sind. Können wir sie aus dem Suchlauf noch herausholen, wird das im Laufe des Vorgangs immer schwieriger bis unmöglich. Ein wahrer Glückscocktail, der sich da im Gehirn unserer Hunde abspielt!

Doch auch die Nasen unserer Hunde sind absolut einmalig!

Hilfe, mein Hund jagt?Der Nasenbär

Die Hundenase ist das wichtigste Sinnesorgan unserer Hunde. Sie besitzen bis zu 230 Mio. Riechzellen (wir Menschen hingegen nur zwischen 8 – 10 Mio. Riechzellen). Das Riechhirn des Hundes beträgt 10% des Gesamthirns (bei uns Menschen lediglich 1%). Unterstützt durch das Jacobsonsche Organ (Vomeronasalorgan) und das limbische System sind unsere Hunde wahre Geruchskünstler.

Bis Ende ihres 4. Lebensmonats haben unsere Hunde das „Riechen“ gelernt und der Geruchssinn ist vollständig ausgebildet.

Die Riechzellen werden regelmäßig neu gebildet, ihre durchschnittliche Lebensdauer beträgt 4-8 Wochen. Die lamellenförmige Nasenschleimhaut gewährleistet durch die Oberflächenvergrößerung ein absolutes Riechmaximum. Sie sollte immer feucht sein, um so die aufgenommene Luft befeuchten zu können, so werden die Duftmoleküle schneller in Richtung Riechhirn befördert.

Durch stoßartiges Riechen gewöhnen sich Hunde nicht so leicht an Gerüche wie wir Menschen. Kennt ihr das? Ihr geht ins Restaurant und anfangs riecht ihr die feinen Essensgerüche noch, doch nach ein paar Minuten lässt das nach und wir haben uns an die Gerüche so gewöhnt, dass wir sie nicht mehr wahrnehmen können.

Und nicht nur das! Sie können Gerüche sogar differenzieren! Während wir nur einen Bruchteil der Zutaten eines Gerichtes herausriechen können, könnten uns unsere Hunde jedes einzelne Gewürz und jeden einzelnen Bestandteil eines Gerichtes aufzählen.

Ihre Fähigkeit, stereo riechen zu können, befähigt sie, die Geruchsinformationen, die durch beide Nasenlöcher einströmen, unterschiedlich zu analysieren. Dadurch können sie nicht nur Richtungen erkennen, sie können eine Duftspur verfolgen, ohne auch nur den Kopf zu wenden. Die Nasenlöcher lassen sich nämlich einzeln bewegen.

Ein Hund ist in der Lage, beim Schnüffeln, bis zu 500mal pro Minute einzuatmen und z.B. den menschlichen Individualgeruch aus unserem Duftpotpourri aus Deo, Parfüm, Seife herauszufiltern.

Sie sind also wahre Nasenmeister!

Der Verlust des Geruchssinns (beispielsweise durch Krankheit) führt zur Orientierungslosigkeit. Vergleichbar ist bei uns Menschen der plötzliche Verlust des Augenlichts.

Hilfe, mein Hund jagt?Blindfisch Mensch

Ich bin ja noch ziemlich blind, was Wildsichtungen anbelangt. Manchmal habe ich das Gefühl, ein Reh oder einen Hasen erst zu sehen, wenn es / er direkt vor meine Nase hüpft, naja, oder besser vor die Augen! Das macht es mir oft noch schwer, rechtzeitig zu reagieren.

Doch je mehr ich auf meinen Hund achte, desto besser nehme ich alles wahr. Denn wenn er steht und schaut oder die Nase hebt und schnuppert, kann ich mir ziemlich sicher sein, da ist etwas, auch wenn ich es noch nicht sehe. Denn er zeigt es wunderbar an.

Da er sowieso meist an der Leine ist, besteht keine Gefahr, dass er Wild hinterherhetzen könnte. Zum Glück! Für uns ist das ein Muss, gerade jetzt in der Brut- und Setzzeit. Anfangs hing er häufig schreiend in der Leine, doch heute lässt er sich aus den allermeisten Situationen gut herausholen. Natürlich reagiert er auf Bewegungsreize, eine Begegnung lässt sich ja nicht zu 100% vermeiden. Treffen wir auf Wild, warten wir, bis es wieder verschwunden ist und lassen ihn auch mal einer Spur ein Stück weit nachschnüffeln, solange gewährleistet ist, dass wir kein Wild mehr stören. Immer öfter können wir auch einfach nur dasitzen und beobachten.Hilfe, mein Hund jagt?

Hilfe, mein Hund jagt?Faszination jagender Hund

Manchmal gehen wir auch einfach über eine schöne Wiese spazieren und plötzlich hat Paolo einen Duft in der Nase. Mittlerweile sehen wir ganz gut, wann sich der Schalter in ihm umlegt und er umschaltet. Von einer Sekunde auf die andere. Wir sind beide fasziniert. Je frischer die Spur desto stärker und schneller möchte er die Verfolgung aufnehmen. Nur wenn wir sicher sind, dass wir kein Wild aufstöbern, lassen wir ihn diese Spur verfolgen. Und beobachten ihn dabei ganz genau. Denn auch wir lernen natürlich etwas dabei – unseren Hund zu lesen. Das ermöglicht uns, wenn nötig, frühzeitig eingreifen zu können. Denn ist die Spur zu heiß und noch Wild in der Nähe (wenn wir es denn sehen), dann müssen wir ihn rausholen und diesen Platz verlassen.

Hilfe, mein Hund jagt?Auf der Spur

Zack, die Nase geht auf den Boden und klebt förmlich daran fest und mein Hund beginnt Haken zu schlagen, rechts – links – vor – zurück und immer weiter – der Nase nach. Ab und zu kommt der Kopf hoch, ist da doch etwas zu sehen? Bewegt sich etwas? Da? Dort? Und dann klebt die Nase wieder am Boden fest. Hier? Da? Dort? Für so eine feine Spur geht er auch ins Wasser, wenn sie durch den Bach führt, obwohl er mit Wasser noch nicht so gut freund geworden ist. Aber hier merkt er es wohl gar nicht, das sonst so „gefährliche“ Nass. Die Aufregung der Spur macht sich auch in seinem Schwanzwedeln bemerkbar, mal langsamer, mal schneller bewegt er diesen hin und her –die Schwanzspitze geht ganz leicht nach oben und bewegt sich in seiner Anspannung mit. Es ist so interessant, dabei zuzusehen!

Seht selbst (hier war keinerlei Wild zu sehen, wir bewegten uns schon eine gute halbe Stunde dort am Bach entlang):

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