Mein Hund, der Flüchtling – wie viel Sinn macht Auslandstierschutz? – Gastbeitrag

© ADOPTIEREN STATT KAUFEN - Europäische Tiernotrettung e.V.

Ich freue mich sehr darüber, heute einen Gastbeitrag von Tamara Krantz veröffentlichen zu dürfen. Als Gründerin und Vorstand von ADOPTIEREN STATT KAUFEN - Europäische Tiernotrettung e.V. setzt sie sich für den Tierschutz ein. Gerade von einer Reise durch verschiedene Länder zurück in der Heimat, berichtet sie aus ihrer Sicht über Sinn und Unsinn des Auslandstierschutzes. Harte Worte? Vielleicht – aber hat sie nicht recht damit?

 

 

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Es bedarf nur eine alltägliche Gassi-Runde durch den Block, um einen internationalen Hundekongress nachzustellen. Die bildschönen, skurrilen oder fast rasseähnlichen Mischlinge kommen aus Ungarn, Rumänien, Russland, Spanien, Italien und in selteneren Fällen von noch weiter her: Malta, Türkei oder gar aus einem Hundeschlachthof in Hong Kong. Doch wie sinnvoll ist es, das neue Familienmitglied aus dem Ausland zu holen und bewirkt dieses eine Tier wirklich etwas?

„Wir haben selber genug Tiere...“

Es ist das Totschlagargument der Auslandstierschutz-Gegner: Wir haben doch selbst genug Hunde in unseren eigenen Tierheimen!

Dieser Vergleich hakt gleich an mehreren Stellen, denn wer einen Rundgang durch das größte deutsche Tierheim wagt, nämlich das in der Hauptstadt Berlin, sieht zwar viele Hunde, aber auch viele die niemand haben möchte. Oder besser gesagt: Hunde, die nicht jeder haben kann.

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Ein Großteil der Tiere gehört zu einer der sogenannten „Kampfhund“-Rassen, stammt nicht selten aus Beschlagnahmungen durch die Polizei oder das Veterinäramt. Sie sind traumatisiert oder haben besondere Bedürfnisse, die nicht jeder Tierhalter erfüllen kann oder will, gerade wenn die eigene Familie kleine Kinder beherbergt. Und die Wohnungssuche in Berlin ist ohnehin ein eigenes Abenteuer, mit „Kampfhund“ im Gepäck aber schier unmöglich.

Wer einen kleinen bis mittelgroßen einigermaßen normalen und unkomplizierten Hund sucht, der sich als Familienmitglied eignet und keine allzu großen Anforderungen an den Halter stellt, der braucht im Tierheim häufig viel Glück. Hunde wie diese gehen weg wie warme Semmeln und das ist eine gute Nachricht – jedenfalls für den Vierbeiner.

Gleichzeitig ist es nicht nur die eingeschränkte Auswahl, die das beliebte Totschlagargument lahmlegt, es ist auch der hinkende Vergleich zwischen einem deutschen Tierheim, das zweifelsohne kein Zuhause ersetzt, aber Futter, medizinische Versorgung, Interaktion mit Menschen und / oder Artgenossen und Gassigänge bietet, oder aber einer Tötungsstation in Süd- oder Osteuropa, in denen Tiere immer noch häufig verhungern, erfrieren, sich gegenseitig attackieren und töten, im Dreck geboren werden und ohne medizinische Versorgung qualvoll verenden oder gar mutwillig gequält werden.

Ja, jedes Tier im Tierheim ist ein Tier zu viel. Doch jedes Tier in einer Tötungsstation ist es ebenso. Eine Ländergrenze zu ziehen zwischen den Tieren, die zuerst ein Zuhause verdient haben, bevor man den anderen hilft, erscheint da sehr bürokratisch.

„Wegen den Auslandshunden bleiben unsere Tiere im Tierheim sitzen...“

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Unabhängig davon, dass es keinen Werteunterschied zwischen einem deutschen oder einem italienischen Hund geben darf, sind die Hunde im Tierheim kein Überbleibsel des Auslandstierschutzes. Sondern viel mehr ein Ergebnis von verantwortungslosen Menschen. (Hobby)züchter, die weiterhin Tiere produzieren, obwohl es sicherlich längst genug Haushunde- und Katzen gibt und verantwortungslose Halter zählen in diese Kategorie, wenn sie die Freigängerkatze unsterilisiert nach draußen schicken oder die unkastrierte Hündin alleine zum Spaziergang durchs Dorf schicken.

Nicht zuletzt landen die meisten Tiere nicht aufgrund unvorhersehbarer und nicht zu bewältigender Ereignisse im Tierheim, sondern weil Besitzer sich unüberlegt ein Haustier zulegen, das schnell mal fünfzehn Jahre alt werden kann.

Oder realisieren erst nach der Anschaffung, dass einer sehr arbeitsinteressierten Hunderasse das Leben auf dem Sofa nicht reicht.

Unterm Strich lässt sich also sagen, unsere Tierheime sind nicht voll, weil es Auslandstiere gibt, sondern weil Menschen – egal woher – verantwortungslos Tiere aufnehmen, wieder abgeben oder gar ohne Sinn und Verstand reproduzieren. 

Rette ich die Welt, wenn ich ein einzelnes Tier adoptiere?

Wer sich also, aus welchen Gründen auch immer, für die Adoption eines Auslandstieres entscheidet ist genau so wenig zu verurteilen wie jemand, der ein Tier aus einem deutschen Tierheim aufnimmt. Letztendlich zählt nicht, woher das Tier kommt, sondern die Gewissenhaftigkeit einer Adoption.

Doch rettet man die Welt, wenn man der misshandelten Hündin aus Rumänien, die alle so hässlich und langweilig finden, ein Zuhause schenkt?

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Sicherlich nicht. Doch im Bestfall tragen Sie nachhaltig dazu bei, ihr Umfeld positiv zu beeinflussen und für den Tierschutz im Allgemeinen zu sensibilisieren.

Sie können mit Vorurteilen aufräumen, indem sie als gutes Beispiel vorangehen, beweisen, dass auch ältere Hunde noch etwas lernen können, auch Mischlinge wunderschön sein können und gebrauchte Hunde nicht weniger anhänglich sind als jene, die man von Welpenalter an Zuhause hält.

Im Bestfall überzeugen Sie ohne Propaganda, sondern einfach mit gutem Vorführeffekt, ihren Nachbarn am Ende davon, einem Hund aus dem Tierschutz eine Chance zu geben und sich keinen Hund beim Züchter zu bestellen.

Damit hätten Sie eine große Tat bewirkt!

Adoptieren allein reicht nicht

Die Sensibilisierung in allen Ehren, für ein Ende der Straßenproblematik wird sie und das pure adoptieren in Not geratener Tiere nicht reichen. Zum aktuellen Zeitpunkt gehen Schätzungen von dutzenden bis hunderten Millionen Straßentieren alleine in Europa aus.

Jedes Tier, das nicht mehr auf der Straße ist, ist ein Gutes.

Aber nicht alle werden den Jackpot einer Adoption gewinnen. Nicht einmal ein so hundefreundliches Land wie Deutschland wird diese Millionen Tiere in geeigneten Familien unterbringen können. Nicht zuletzt weil viele Tiere einfach unvermittelbar sind.

Die nachhaltige Lösung im Tierschutz ist daher nicht die Adoption!

Sie ist eine Symptombehandlung, schön, für den einzelnen, aber kaum eine Hilfe für die breite Masse.

Was wirklich hilft, sind die Themen, die sich wenig sozialer Reichweite auf Facebook bedienen, weil sie scheinbar langweilig und unspektakulär sind, gegenüber den Neuigkeiten von dreibeinigen Hunden, halbtot geschlagenen Katzen oder deformierten Welpen durch einen Säureangriff: Es sind die Kastrationsprogramme- und Aktionen die idealerweise Hand-in Hand mit Aufklärungsarbeit und Bildung in der entsprechenden Region gehen.

Tiere kennen keine Ländergrenzen

Haben sie schon einmal „internationale“ Hundegruppen beim Spielen beobachtet? Mein Hund jedenfalls macht keinen Unterschied zwischen einem spanischen Landgenossen, einem Rumänen, einem reinrassigen deutschen Schäferhund oder einem russischen Oligarchen-Hund.

Für ihn zählt, wie sich eben jener benimmt. Und davon können wir uns eine gute Prise abschauen. Es kommt nicht darauf an, welchem Tier wir helfen, sondern dass wir helfen. Da wo wir können und so wie wir können.

Auslandstierschutz macht Sinn, im Einzelnen, wie auch im großen Ganzen. Dabei ist er aber nicht weniger wichtig als der Tierschutz im Inland oder als jedes andere Tierschutzengagement. Befreien Sie sich von Ländergrenzen und machen Sie es sich einfach „einfach“: Helfen Sie da, wo Sie am besten sind!

Wo und wie kann ich mich einbringen?

Wenn Sie in der Lage sind ein Tier zu adoptieren, dann ist das, ohne Zweifel, eine großartige und tolle Aktion mit Vorbildcharakter. Woher das Tier dann stammt, spielt am Ende überhaupt keine Rolle. Vielleicht finden Sie ja einen passenden Companion bei uns der ADOPTIEREN STATT KAUFEN – Europäische Tiernotrettung e.V.

Wenn Sie das nicht können, oder wollen, dann sind Sie nicht weniger wert oder weniger effektiv. Spenden Sie Geld für eine Organisation die in Ihren Augen nicht nur Symptombehandlungen im Tierschutz bietet, sondern nachhaltig an der Lösung eines Problems arbeitet.

Geben Sie übrig gebliebenes Futter in einer Tiertafel ab und helfen Sie weniger gut betuchten Menschen, die eigenen Tiere auch mit wenig Mitteln durchzubringen, damit diese nicht im Tierheim landen.

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Bieten Sie dem Nachbarbauern an, seine Katze für ihn zur Kastration zum Tierarzt zu bringen, anstatt dabei zuzusehen, wie sie den fünften, sechsten oder zehnten Wurf an Kitten zur Welt bringt, die niemand haben möchte.

Haben Sie ein waches Auge auch für Tierquälerei in Ihrem Umfeld. Nicht nur in anderen europäischen Ländern gibt es verantwortungslose, bösartige oder abgestumpfte Tierhalter. Und falls Sie sich mal gegenüber all den Problemen und Widrigkeiten machtlos fühlen, dann denken Sie an eines meiner Lieblingszitate des Dalai Lama und machen Sie einfach weiter:

„Falls Du glaubst, dass Du zu klein bist um etwas zu bewirken, dann versuch mal zu schlafen, wenn ein Moskito im Zimmer ist...“

 

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Über die Autorin

Schon als junges Mädchen war Tamara Krantz mit einem guten Sinn für (Un)gerechtigkeit und Tiere in Not ausgestattet. Den Nachbarkindern klaute sie regelmäßig die gefangenen Marienkäfer, um sie wieder in die Freiheit zu entlassen, die Erwachsenen kannten sie als eifrige Spendensammlerin für das örtliche Tierheim.

Heute, rund zwanzig Jahre später, hat sich daran nichts geändert - außer der Haarfarbe. Als Gründerin des ehrenamtlichen Vereins "ADOPTIEREN STATT KAUFEN - Europäische Tiernotrettung e.V." kämpft sie heute mit einem starken Team im großen Stil gegen Tötungsstationen, Tierelend auf Europas Straßen und Tierquälerei.

5 thoughts on “Mein Hund, der Flüchtling – wie viel Sinn macht Auslandstierschutz? – Gastbeitrag”

  1. Ein schöner Artikel. Ich finde es immer seht schlimm wie abwertend manche Menschen über Auslandtierschutz und -menschenschutz sprechen. Sowas kennt doch keine Grenzen! Sicherlich macht es keinen Sinn Hunde und Katzen massenhaft aus dem Ausland zu importieren ohne dass vor Ort ebenfalls aktiver Tierschutz (bsp. Kastrationsprogramme) betrieben wird. Aber ich denke, die wirklich seriösen Orgas haben das große Ganze im Blick. Vermittlung von Hunden um die Welt des Einzelnen besser zu machen und vor Ort die Dinge für die nachfolgenden Generationen zu verbessern oder eben die Geburten zu reduzieren.

    Liebste Grüße
    Dani mit Inuki und Skadi

  2. Ein wichtiges Thema – immer mehr. Die vermittelnden Organisationen gehen sehr unterschiedlich mit Ihrer Verantwortung um. Nicht alle engagieren sich auch für Kastrationsprogramme, Aufklärung und Tierschutz vor Ort. Und allzu oft ist die Vermittlung eher oberflächlich, wichtige Informationen werden den Adoptanten vorenthalten und es wird ein romantisierendes Bild der Adoption eines Tierschutzhundes unterstützt. Treten dann im neuen Zuhause die – durchaus vorhersehbaren – Schwierigkeiten auf, fallen die neugebackenen HundehalterInnen mitunter aus allen Wolken.
    In unseren Tierheimen sitzen schon lange nicht mehr nur die Überbleibsel verantwortungsloser Hundezucht, sondern sehr oft auch Hunde, die ursprünglich voller Idealismus aus dem Ausland geholt wurden. Hunde, deren Haltung und Integration die Menschen völlig überfordert und schließlich zur Abgabe führt.
    Daher apelliere ich an die Verantwortung der Vermittler (im In- und Ausland), damit es weder für den Hund noch für die Menschen ein böses Ende nimmt.

    1. Liebe Karin! Danke für deinen Kommentar. Es wäre zu wünschen, dass es beim Tierschutz auch wirklich um den Schutz der Tiere geht – vor Ort und hier bei uns.
      Liebe Grüße, Antonietta

  3. Liebe Tina,
    viele Dank für deinen Kommentar!
    Auch unser Hund kommt aus dem Ausland. Ich kann mir auch gut vorstellen, wieder einem Auslandshund oder Tierheimhund ein Zuhause zu geben. Nur leider werden die Menschen, die sich so einen Hund holen, danach mit den ganzen Problemen, die das mit sich bringen kann – vor allem, wenn diese Hunde sehr ängstlich sind – allein gelassen. Daran muss sich unbedingt etwas ändern. Anfangs kann man das einfach nicht abschätzen, was auf einen zukommen kann und benötigt hier dringend Unterstützung. Ob so ein Hund nun „nur“ ängstlich ist oder sogar angstaggressiv. Ob so ein Hund ressourcenaggressiv ist. All das kann man irgendwann handeln, aber man braucht Zeit und Hilfe dabei von jemanden, der erfahren ist.

  4. Ich habe mich für die Adoption von Auslandshunden entschieden und stehe auch seit knapp 4 Jahre als Pflegestelle für diese Hunde zur Verfügung. Ich kann nur positives berichten.
    Auch ich war wie Sina Wolf in einem deutschen Tierheim ehrenamtlich tätig. Habe die Zwinger geputzt und war Gassigängerin. Aus den Tierheimen in meiner Nähe habe ich k e i n e n Hund bekommen (ich habe auch nur eine Wohnung und gehe 5 Std. arbeiten! Denn von irgendwas muß ich ja leben!). 2011 habe ich dann meinen Boxer Max aus einen TH in Baden-Württemberg geholt = Angstbeißer (wurde von Männern 4 Tage und Nächte verprügelt weil aus ihm ein Kampfhund gemacht werden sollte) Diesen Boxer bekam ich weil ich die einzige Person war die er in den ersten Minuten nicht gebissen hat sondern sich sofort von mir streicheln ließ. Seitdem ist dieser Boxer starker Halt für meine bisher 21 Pflegis aus dem Ausland! Zur Zeit leben 2 Auslandshunde bei mir.
    Ich bin auch der Meinung daß es sehr schwer ist einen Hund aus einem deutschen TH zu bekommen. Was ist schlimmer für einen Hund: 24 Std. in einem Zwinger im TH oder 5 Std. alleine zu Hause auf der Couch? Darüber sollten die TH mal nachdenken……

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