Paolo und das Leben mit einem ängstlichen Hund – Blogparade

Paolo - Leben mit ängstlichem Hund

Dini Bosse von „Hundekind Abby“ hat zur Blogparade aufgerufen. Thema: „Leben mit schwierigem Hund“. Wir haben so einen – so einen halbschwierigen Hund zumindest, denn schwieriger geht immer. Wir freuen uns auf jeden Fall sehr, an unserer ersten Blogparade teilzunehmen!

Ein Hund zieht ein…

Im Großen und Ganzen kein Problem – normalerweise.

Doch anders sieht es aus, wenn dieser Hund, wie unser Paolo, aus dem Ausland kommt und ängstlich ist. Es passieren so viele Dinge, mit denen man nicht rechnet, von denen man nicht weiß, dass das neue Familienmitglied mit Angst reagieren wird. Denn letztendlich kennen wir seinen Werdegang nicht, wir wissen nicht, was dem Kleinen widerfahren ist. Unser Hund ist also schon so ein kleines Überraschungsei.

Im Übrigen kann Angstverhalten auch bei Hunden vom Züchter vorkommen. Es kommt immer darauf an, was die kleinen Hunde dort schon an Geborgenheitsreizen mitbekommen haben und was nicht, wie gut Sozialisation und Habituation gehandhabt wurden. Nehmen wir an, es handelt sich um einen guten Züchter. Nehmen wir weiterhin an, dieser achtet sehr auf die Gesundheit seiner Zuchthunde. Und doch kann es hier zu Problemen kommen. Nehmen wir weiter an, dieser Züchter wohnt im tiefsten Wald. Die kleinen Welpen lernen nicht das Gewusel und die Lautstärke eines Stadtlebens kennen. Und reagieren hier dann genauso panisch als kämen sie aus Timbuktu. Nur so als Beispiel.

Und im Gegenzug dazu kann ein Hund, der aus dem Tierschutz kommt, keinerlei Anzeichen von Angst oder sonstigem „Problemverhalten“ zeigen. Wie gesagt, es kommt immer darauf, was diese Hunde erlebt haben, wie ihre Welpenzeit verlaufen ist und so vieles mehr.

Aller Anfang ist schwer

Doch zurück zu Paolo. Die erste Gassigänge waren ein wahres Spießrutenlaufen – sowohl für uns als auch für unseren Hund. Unser Eindruck war, dass er entweder mit allen möglichen Dingen schlechte Erfahrungen gemacht hatte oder einfach nichts kannte. Aus heutiger Sicht ahne ich zumindest, dass für ihn hauptsächlich die Umsetzung von Spanien hierher, in dieses für ihn völlig fremde Land mit diesen so anderen Gerüchen, Geräuschen und diesem völlig anderen Umfeld wohl der größte Stressfaktor war und teilweise immer noch ist.

Nähe kann er schlecht zulassen. Auch von uns. Er weicht aus, geht auf Abstand. Kuscheln ist also nicht unser liebstes gemeinsames Hobby. Doch so langsam, im Laufe der Monate kommt er her und wenn er von sich aus Nähe sucht, ist das gut so. Er holt sich immer öfter seine Streicheleinheiten. Darüber freuen wir uns sehr.

Nachbarn im Garten kann er gar nicht ab. Die muss er immer verbellen. Wir üben auch diese Situationen. Mit viel Geduld klappt es immer besser. Ab und an entscheidet er dann, dass er entweder lieber wieder rein geht oder er sucht Schutz bei uns.

Kinder stressen ihn. Ihre schnellen Bewegungen und ihre hohen Stimmen verursachen wahre Gruselanfälle. Da geht er auch schon mal nach vorne. Das übt sich ja nun eher schlecht, schließlich können wir nicht das Risiko eingehen, dass etwas passiert. Also halten wir gebührenden Abstand, warnen die Eltern vor und natürlich ist er immer gesichert. 

Und so weiter und so fort... Ich könnte das endlos - naja, fast - fortsetzen.

Das wissen wir oder können wir teilweise erahnen:

Paolo war fünf Monate alt, als er eingefangen wurde, soweit wissen wir also Bescheid. Zwei Monate verbrachte er in Spanien in einer Pflegestelle mit anderen Hunden. Er war also schon einmal nicht im Tierheim dort. Mit sieben Monaten kam er nach Deutschland und kurz darauf zu uns.

Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass eine relativ gute Sozialisierung und Habituation stattgefunden hat – in Spanien. Deutschland gehörte allerdings nicht zu seinen Geborgenheitsreizen und beinhaltete für ihn mannigfaltige Gruseligkeiten. Fremde Menschen – da eher Männer als Frauen – sind ihm im ersten Moment erst einmal unheimlich. Kinder sowieso, denn die sind klein, wuselig und laut. Kinderwägen, ältere Menschen mit Rollator, Jogger, Radfahrer, Fahrräder kannte er wahrscheinlich eher nicht. Das alles löste anfangs massiven Fluchtreflex bei ihm aus.

Doch es gibt auch Gutes

Autos und Autofahren, Straßen, Besen, Staubsauger und sonstige Geräte im Haushalt, Mülltonnen etc. machen ihm keine Angst. Eine Beißhemmung scheint vorhanden zu sein. Er war von Anfang an stubenrein. Leine und Halsband – ja, auch das Anziehen eines Geschirrs waren und sind völlig problemlos bei ihm. Das Leben in einem Haus und zumindest einem kleineren Ort scheint ihm nicht ganz fremd zu sein. Er neigt nicht zu Ressourcenverteidigung uns gegenüber – ich kann ihm alles wieder abnehmen, ob nun Ball oder Futter (wobei ich keinen Grund habe, ihm sein Futter wieder wegzunehmen, beim Ball sieht das schon anders aus).

Was bedeutet das letztendlich für uns?

Alles in allem haben wir durchaus Glück gehabt. Denn es könnte sehr viel schlimmer sein und ich weiß auch gar nicht, ob ich ihn wirklich als reinen Angsthund bezeichnen würde.

Wir unternehmen mit ihm so ziemlich alles, was wir unternehmen wollen. Wir setzen ihn dabei nicht unnötig angstauslösenden Reizen aus. Er darf sich allem, was ihn beunruhigt in seinem eigenen Tempo nähern. Wir versuchen ihn zu schützen, wo er es braucht, wir fördern seine Neugier, wo er sie von alleine zeigt. Geräusche, die ihn erschrecken und bei denen wir ihm zeigen können, was sie verursacht hat, stören ihn nach kürzester Zeit nicht mehr.

Außerdem haben wir eine gute Hundetrainerin, die uns dabei unterstützt. Wir laufen bei Social Walks mit, besuchen einen Kurs über Begegnungen an der Leine und wir gehen regelmäßig zum Mantrailing. Das ist für uns wichtig, denn beim eigenen Hund ist man, da emotional beteiligt, einfach auch betriebsblind.

In den letzten Monaten können wir einiges an Erfolgen verbuchen, anderes braucht etwas mehr Zeit. Die Scheu vor fremden Menschen ist noch nicht ganz weg, aber um ein Vielfaches besser geworden. Das sehen wir schon daran, dass er bei entgegenkommenden Personen nicht mehr gute hundert Meter ausweichen möchte, sondern vielleicht nur noch – je nachdem, wer uns entgegenkommt – einen Meter bis einen halben Meter – oder auch gar nicht. Joggern und Radfahrern weicht er aus und setzt sich dann hin, wartet, bis sie vorbei sind. An abgestellten Fahrrädern kann er problemlos vorbeigehen, wenn er sie an eben diesem Ort, wo sie stehen, schon öfter gesehen hat. An anderen Orten weicht er ihnen lieber ein wenig aus, aber auch da ist die Distanz wesentlich geringer geworden. Die Menschen in seiner Hundekumpel-Gruppe können ihn schon problemlos streicheln. Er nähert sich ihnen ohne jegliche Angst.

Letztens beim Gassigehen im Wald lag am Rand des Weges ein einsamer, verdreckter Motorradhelm. Den fand er einerseits richtig spooky, andrerseits trieb ihn die Neugier aber doch hin. Er hat sich ihm mal von der einen, mal von der anderen Seite genähert und beschnüffelte ihn aus einer Entfernung von vielleicht fünfzig Zentimetern. Mutig! Wir haben ihn in seiner Neugier bestärkt, ihn aber nicht gezwungen, noch näher ranzugehen. Sollte der Motorradhelm das nächste Mal noch daliegen, werden wir sehen, ob er sich ein wenig näher ran traut oder nicht.

Für meinen Hund würde ich mir wünschen, dass er etwas sorgloser durchs Leben gehen kann. Allerdings bin ich mir sicher, dass wir das erreichen. Langsam, in kleinen Schritten, in dem Tempo, das er braucht. Aber stetig.

Lernt nur unser Hund dabei?

Nein, auch wir. Besonders ich lerne durch meinen Hund ganz viel. Ich lerne, dass ich mich abgrenzen kann, dass ich fremde Hunde einfach weiterschicken kann – speziell bei unerwünschten Hundekontakten. Ich lerne, Grenzen zu setzen. Denn Paolo kann auch ein ganz schönes Nervensäglein sein. Ich lerne, mich aktiv vor meinen Hund zu stellen, um ihn zu schützen. Ich lerne meinen Hund immer besser kennen, kann ihn besser lesen und einschätzen.

Und ich lerne, genauer hinzusehen. Ich lerne aus den Erfahrungen, die wir gemacht haben. Mit der Tierschutzorganisation, mit der Pflegestelle. Ein Thema hat mich gefunden. Dass Tiere schützenswert sind, war mir schon immer klar. Doch auch meine Sichtweise auf viele Dinge zu den Themen „Tierschutz“ und „Angsthund“ wird momentan geschärft. Ich habe begonnen, mich mehr und mehr zu informieren und zu hinterfragen – als Mensch und als Hundetrainerin. Und ich habe begonnen, darüber zu schreiben und mich weiterzubilden.

Das alles wäre wahrscheinlich in diesem Ausmaß niemals ohne meinen Hund und die Erfahrungen, die wir mit allem möglichen gemacht haben, passiert.

3 thoughts on “Paolo und das Leben mit einem ängstlichen Hund – Blogparade”

  1. Hallo Antonietta, hallo Helmut, lieber Paolo,
    Angst ist kein schönes Gefühl, ich kenne das. Mich ängstigen Fernzüge und Bahnhöfe, seit ich einmal beim Aussteigen einmal einen Unfall hatte. Uns hat „Schreck lass nach!“ von Heike Westedt geholfen: http://schulhund-jack.de/buchrezension-heike-westedt-schreck-lass-nach Vielleicht ist das ein interessantes Buch für euch, vielleicht habt ihr es als Hundetrainer sogar schon gelesen. Viel Erfolg beim Üben und Gewöhnen an das fremde Deutschland!
    Herzliche Grüße vom
    Käpt´n

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