Lässt Du ihn einfach liegen? – Ein Gastbeitrag von Silke Schön

Gastbeitrag von Silke Schön

Kennengelernt haben wir uns über ein gemeinsames Buchprojekt und das gemeinsame Interesse am Tierschutz verbindet uns noch zusätzlich. Silke Schön berichtet in ihrem Gastbeitrag über ihre Erfahrungen mit ihren Hunden – alle aus dem Tierschutz und zwei sogar aus dem Ausland:

Warum Tierschutz nichts mit Grenzen zu tun hat, sondern mit Mitgefühl

Das war nie so geplant. Überhaupt haben wir uns, zugegeben, viel zu wenig Gedanken darüber gemacht, wo unser zukünftiger Hund herkommen soll. Oder was oder wie er sein soll.

Coco und Berta

So kam es, dass wir eigentlich einen Cockerspaniel-Welpen wollten und am Ende eine 2-jährige kleine braune Hündin aus dem berühmten Tierschutz mit nach Hause nahmen. Alles kam anders, als geplant! Batida, so hieß sie, kam aus Italien. Ja ja, aus dem Ausland! Aber weit gefehlt, sie lebte nie auf der Straße, sondern in einer minikleinen Messi-Wohnung, wo sich viele Hunde ihrer Größe unkontrolliert vergnügten. Von dort wurde sie befreit und durch die internationale Zusammenarbeit der Tierheime nach Deutschland gebracht. Da saß sie also nun, in dem kleinen Zwinger, mit ihrer schwarz-weißen Freundin. Sie war halt da! Und sie schlich sich mit ihrer zurückgezogenen Art schnell in unser Herz.

Nachdem sie bei uns einzog, haben wir von ihrer ausländischen Herkunft nicht mehr viel bemerkt. Dass sie kein Deutsch versteht, wurde uns schnell klar. Vielleicht verstand sie auch kein menschig? In der Zwischenzeit hatten wir sie in Coco umgetauft, Batida gefiel uns nicht.

Kurze Zeit später zog Berta bei uns ein. Eine 10-jährige flauschige Mischlingshündin, ängstlich, aggressiv, aber mit sehr großem Herz. Leider auch großen Mammatumoren. Wir nahmen sie trotzdem, sie wurde operiert und hatte noch sechs schöne Jahre bei uns. Sie kam aus Deutschland und wurde von ihrem ehemaligen Besitzer tagelang allein in der Wohnung gelassen.

Berta starb irgendwann, Coco hatte den Thron allein und genoss ihn noch einige Jahre. Dann musste auch sie gehen.

Roxi zieht ein

Einige Monate später rief mich meine Nachbarin an. Ob ich noch ein Geschirr hätte von Coco, ihr neuer Pflegehund wäre viel kleiner als erwartet und die Geschirre passten nicht. Ein Geschirr wäre aber wichtig, es sei ein Angsthund…

Also kam sie vorbei und brachte Roxi gleich mit. Ungläubig schauten mein Mann und ich uns an. Sie sah fast so aus wie Coco! Am selben Tag beschlossen wir, diesem ängstlichen Kontrolletti ein Zuhause zu geben. Roxis Reise war intensiv. In Rumänien wurde sie auf der Straße aufgelesen. Sie landete in einem öffentlichen Shelter. Normalerweise hört man davon nichts Gutes, doch dieses arbeitet mit einem privaten Tierheim in Rumänien (www.apam.ro) zusammen und empfahl, Roxi aus dem Shelter zu nehmen, weil sie es dort nicht mehr lange schaffen würde. Über ein halbes Jahr saß sie dort, musste sich durchkämpfen und verteidigen. Sie ist nur ca. 35 cm groß, da hatte sie einiges zu tun. In dem privaten Tierheim gesundete sie. Unglaublich liebe Menschen kümmerten sich, ihr Haus teilte sie mit einigen wenigen, passenden Hunden. Sie durften raus und hatten regelmäßig positiven Menschenkontakt. Doch fast niemand kann ein Tierheim privat unterhalten, schon mal gar nicht in Rumänien, und trotzdem kann diese Frau nicht an hilfebedürftigen Tieren vorbeigehen, die es in Rumänien zuhauf gibt.

Deswegen entstand eine Zusammenarbeit mit Deutschland. Einige Tierschutzvereine unterstützen das Tierheim mit Futter und Spenden. Und manchmal ziehen einige Hunde das große Los und werden nach Deutschland vermittelt. Natürlich sind es die, die eine reelle Chance auf Vermittlung haben. Junge, starke, liebe Tiere. Diese machen dann Platz für neue Notnasen, denn sonst würde das Tierheim schnell aus allen Nähten platzen.
Roxis Reise führte von Rumänien nach Deutschland zur Auffangstation, dort holte meine Nachbarin sie am selben Tag ab und brachte sie zu sich nach Hause. Am nächsten Tag zog sie bei uns ein. Eine extreme Anstrengung für die scheue Maus. Es hat auch einige Zeit gedauert, aber nun ist sie angekommen.

Da stand sie also vor unserer Haustür. Mitten in Deutschland. Sie war da. Also hatte sie einen Platz verdient und den bekam sie.

Vielleicht hätten wir uns vorher informieren müssen, woher sie kam. Vielleicht hätten wir einen deutschen Hund aus einem deutschen Tierheim adoptieren sollen. Vielleicht hätten wir auch zum Züchter gehen sollen. Vielleicht! Hättewärewenn…

Ganz sicher weiß ich aber, dass dieser Hund bei uns richtig ist und dass sie ein Zuhause gesucht hat. Für mich bedeutet Tierliebe, diesem Individuum, welches nun mal da ist, zu helfen. Da ich leider nur einer begrenzten Anzahl von Hunden ein Zuhause geben kann, spende ich dafür, wenn ich kann.

Tierschutz muss überall passieren!

Ich lehne Profitgier im Tierschutz, Kofferraum-Verkäufe von Welpen, Tiermärkte und so weiter ab. Gibt es alles, natürlich! Nicht schön, natürlich nicht! Schwarze Schafe – ja, ganz viele. Und wir haben viel Glück gehabt, dass wir an seriöse Organisationen geraten sind, die ihr ganzes Herzblut in den Tierschutz stecken und persönlich sehr viel opfern, um armen Tieren zu helfen. Es ist für mich völlig normal, da keine Grenzen zu stecken. Das passiert in Deutschland – dann muss in Deutschland geholfen werden. Das passiert in Rumänien/Italien/Spanien – dann muss dort geholfen werden. Zum einen durch dauernde Aufklärung (Tiere sind ja oft Opfer der gesellschaftlichen Umstände und Einstellungen der Menschen) und manchmal auch durch verantwortungsvolles „Retten“. Kommt vor!

Lässt du ihn einfach liegen?

Wenn Du nach Rumänien fährst (und das machst Du nur, wenn Du wirkliches Interesse daran hast) und einen Hund im Straßengraben liegen siehst… Lässt Du ihn liegen? Nein? Die Menschen mit Herz dort auch nicht. Wenn er dann im Tierheim sitzt und die Besitzerin steht traurig vor Dir und weiß nicht mehr, wie sie alle durchfüttern soll: Fährst Du einfach wieder ab und kaufst Dir Starbucks-Kaffee für 4 €? Nein. Und wenn Tierschützer mit Passion aufeinander treffen, dann helfen sie sich, auch und vor allem über die Grenzen hinweg! Und das ist selbst mit dem besten Willen keine leichte Aufgabe, weder emotional noch organisatorisch. Ich ziehe meinen Hut vor diesen Menschen.

Wo der nächste Hund herkommt, weiß ich nicht. Es wird sich fügen! Ganz sicher ist aber, dass es eine Seele sein wird, die Hilfe benötigt und die einer anderen Seele Platz macht.

Silke und Roxi
Über die Autorin
Silke Schön wohnt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Sauerland. Sie ist Dienstleister für einen Hundeshop und schreibt nebenbei Kurzgeschichten und Artikel, die auf verschiedenen Blogs erschienen sind. Mit Roxi hat sie ihren dritten Angsthund aus dem Tierschutz.

6 thoughts on “Lässt Du ihn einfach liegen? – Ein Gastbeitrag von Silke Schön”

  1. Ein sehr schöner Beitrag. Ich weiß noch wie es war, als ich nach meinem ersten Hund suchte. Als Hundeanfänger habe ich mir damals einfach keinen Hund aus dem Tierheim zugetraut. Wenn es bei uns wieder einmal soweit sein sollte, wäre ein Tierheimhund dieses Mal aber eine Option. Berichte wie diese tragen sicher dazu bei die Scheu vor dieser Aufgabe abzubauen.

    Liebe Grüße, Birgit

    1. Liebe Birgit,

      vielen Dank! Ich hoffe auch, dass dieser Bericht Mut macht. Auch Mut, sich vorher zu informieren und sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Mut, einen Hund zu behalten und nicht wieder abzugeben, nur weil es schwierig wird. Es ist ein guter Weg, ein Weg, in dem man auch viel über sich selbst lernen kann. Wenn man es zulässt. Obwohl auch das nicht immer einfach ist. Aber was ist schon einfach im Leben?

      Liebe Grüße, Antonietta

    2. Es ist nicht immer der einfachere Weg. Aber das sind Hunde generell nicht immer! Egal, wo er herkommt, unbekannte Probleme sind stetige Begleiter jeden Hundes. Aber mit einer tollen Hundeschule an der Seite klappt es dann doch meistens. 🙂 Ich wünsche Dir, dass Du DEINEN Hund findest.

  2. Vielleicht animiert mich dieser Artikel auch eines TAges einen Hund aus dem Tierschutz zu nehmen.Aber noch ist es nicht soweit.Der King lebt (Kimmi) und das soll noch lange so bleiben. .Liebe Grüße Burkhard

    1. Lieber Burkhard!

      Ja, das wäre schön! Aber wir wollen doch erst einmal hoffen, dass King Kimmi noch sehr lange lebt!

      Liebe Grüße, Antonietta

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