Ein Hund mit Handicap ist kein Handicap – Ein Gastbeitrag von Sandra Musculus vom Blog „Dreipunktecharlie“

Handicap-Hunde

Ab und zu begegnet einem jemand, dessen Hund ein Handicap hat. Was bedeutet das für diese Menschen und ihre Hunde? Sandra Musculus und ihren Blog „Dreipunktecharlie“ habe ich dank der Vernetzungsidee von Julia Wenderoth von MiDoggy in der MiDoggy Community kennen gelernt und so freue ich mich sehr darüber, heute meinen ersten Gastbeitrag über genau dieses Thema veröffentlichen zu können. Denn Sandra hat gleich zwei Handicap-Hunde und berichtet darüber regelmäßig auf ihrem Blog "Dreipunktecharlie".

Besondere Hunde brauchen daher auch ein besonderes Training – ein Training, das auf ihre Handicaps eingeht und Mensch und Hund den Alltag erleichtert. Doch wie Sandra schreibt:

Humor hilft!

Was braucht man für das Zusammenleben mit einem alterstauben und einem erblindenden Hund? Um ehrlich zu sein, eigentlich nichts, außer einer Prise Humor. Humor hilft vor Allem in den Situationen, in denen ich mich gelegentlich wiederfinde: Tage, an denen ich zum Beispiel die alterstaube Lis einsammeln muss, weil sie auf dem Spaziergang den Sichtkontakt zu mir verloren hat und mich nicht hört. Währenddessen steckt Charlie in einer Böschung fest, weil er die Orientierung verloren hat. Dann fühle ich mich wie das Chaos höchstpersönlich und als hätte ich nichts im Griff. Charlie tut mir leid, weil er immer noch im Reisig hängt und keine Ahnung hat, in welche Richtung er herauskommen soll. Also weise ich erst Lis den Weg zu uns, danach Charlie den aus seiner Misere heraus. Genau in diesen Situationen tut es gut, auch mal über sich selbst lachen zu können. Denn im Grunde genommen geht es uns super und wenn ich nicht gerade in meiner Funktion als Guide für die beiden versage, merkt man uns unsere Handicaps kaum an.

Ein paar Worte zu uns

Wir, das sind Lis, Charlie und Sandra. Lis kommt aus Rumänien, ist seit 2005 bei mir und mittlerweile alterstaub. Charlie ist seit 2014 bei mir, aus Ungarn und an PRA (Progressive Retinaatrophie) erkrankt, er erblindet. Die Krankheit war nicht bekannt, als er über eine Pflegestelle zu uns kam, jedenfalls mir nicht. Ich erkannte, dass mit seinen Augen etwas nicht stimmt, als er nachts Hindernisse nicht mehr erkannte und insgesamt deutlich unsicherer wurde. Nach meiner ersten Diagnose „Nachtblindheit“ und ein paar Untersuchungen war dann klar: Es ist PRA und er wird komplett blind werden. Heute sieht er tagsüber bei gutem Licht wohl noch Schemen. Bei wechselnden Lichtverhältnissen (von Licht in den Schatten und umgekehrt), in der Dämmerung und bei Nacht ist er vollkommen blind. Der Vorteil, den wir hatten: Wir haben die PRA recht früh erkannt und konnten unser Training entsprechend anpassen.
Zum ungefähr gleichen Zeitpunkt musste ich mir auch eingestehen, dass Lis immer schlechter hört, sie noch nicht mal mehr auf die Kühlschranktüre oder das Klappern ihres Napfes reagiert.

Beide Hunde wurden von mir mit Sichtzeichen und Lautsignalen erzogen, was im Nachhinein eine Erleichterung darstellt.
Lis zu trainieren war für mich einfacher, als Charlie. Das hängt damit zusammen, dass ich mit Lis schon ein eingeschworenes Team war und Charlie relativ „neu“ bei uns. Lis habe ich einige Zeit mit der Schleppleine ausgeführt, damit ich Zugriff auf sie hatte. Da sie mein „Guck“ als Signal, dass sie mich anschauen soll, nicht mehr hören konnte, musste ich ihr anders vermitteln, dass sie mich regelmäßig ansehen muss. Denn nur so kann ich ihr ein Sichtzeichen übermitteln. An der Schleppleine habe ich also kurz und leicht (!) gezupft, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sobald sie zu mir geschaut hat, hat sie ein Handzeichen bekommen und nach der Ausführung der Kommandos natürlich ein Lob über Streicheln oder Leckerchen. Nach und nach verstand sie, dass sie immer wieder zu mit schauen muss. So ist es mir heute möglich, sie freilaufen zu lassen, ohne dass sie sich und andere gefährdet. Im Normalfall läuft sie hinter oder neben mir und reagiert sehr zuverlässig auf meine Sichtkommandos. Sicher, es gibt Situationen, in denen schon mal etwas schiefgeht, wenn sie länger stehen bleibt um zu Schnuppern und ich nicht aufmerksam bin oder mich um Charlie kümmere. Aber davon lassen wir uns nicht entmutigen!

Charlies Training war anstrengender und aufwändiger. Das hat mehrere Ursachen: Wir waren zum Zeitpunkt der Diagnose noch nicht so ein starkes Team wie Lis und ich. Charlie war auch noch nicht so lange bei mir, er hatte eine Grunderziehung von mir bekommen, alles andere befand sich im Aufbau. Und die Erblindung verunsicherte ihn. Er wurde schreckhaft, war oft gestresst und insgesamt viel zurückhaltender. Ich zog zu diesem Zeitpunkt eine befreundete Tier-Homöopathin hinzu, da ich Charlie die Situation erleichtern wollte. Sie stellte ihm ein Konstitutionsmittel zusammen, das sein Selbstbewusstsein stärken sollte. Parallel zum Training passte dieses Vorgehen gut zu Charlie und mir.

Jedem ist klar, dass man einen Hund, der sich erschrickt, nicht bedauern sollte, um ihn nicht zu bestärken. Was macht man aber, wenn der eigene Hund vor eine Parkbank läuft, weil er sie nicht sieht und sich nicht auf seine anderen Sinne verlässt?
Anfangs ist es mir wirklich schwer gefallen, ihn nicht in den Arm zu nehmen und zu bemuttern. Doch nach und nach habe ich gelernt, dass ich ihn nicht vor allen Zusammenstößen bewahren kann, dass er lernen muss, sich auf sein Gehör und seinen Tastsinn zu verlassen. Ich kann ihm das nicht abnehmen. Und so haben wir über die Zeit gelernt, damit umzugehen. Charlie läuft heute ohne Schleppleine frei mit uns, kann sich sehr gut orientieren und wenn es ihm einmal nicht gelingt, haben wir ein paar Kommandos etabliert, mit denen ich ihm helfen kann.

Trainingsansätze

Generell zielen alle genannten Kommandos und Maßnahmen darauf ab, Charlie weiterhin ein artgerechtes Leben zu bieten und auch mal ohne Leine laufen lassen zu können. Er ist sehr kommandosicher und wenn es irgendwie möglich ist, möchte ich ihm eine Zukunft ersparen, in der er nur noch an Leine und Schleppleine laufen darf. Das Ziel lautet, dass er in bekanntem Gelände unter meiner Aufsicht auch frei laufen darf ohne andere oder sich zu gefährden.

Keine Handzeichen mehr

Sowohl Lis als auch Charlie reagierten zuverlässig auf Handzeichen oder Sicht-Kommandos. Wir haben ein Zeichen für Sitz, Platz, Stopp, Hier, Dreh-Dich und viele mehr. Da wir immer mehr auf die Handzeichen und Körpersprache als auf stimmliche Kommandos trainiert haben, musste ich mich in diesem Punkt bei Charlie umstellen. Ich bin also tagelang nur mit den Händen in den Taschen herumgelaufen, damit ich rein stimmliche Kommandos benutze. Für ihn war die Umstellung übrigens einfacher als für mich, während ich noch damit beschäftigt war, meine Hände im Zaum zu halten, hatte er das stimmliche Kommando umgehend ausgeführt.

Stopp

Das „Stopp“ gehört zu den Kommandos, die Charlie schon recht früh gelernt hat. Es ist ein Alltagskommando, das wir immer dann nutzen, wenn er unvermittelt anhalten soll. Anfangs haben wir das „Stopp“ an der Leine geübt, wenn wir stehen geblieben sind, habe ich „Stopp“ gesagt. Im zweiten Schritt haben wir es im Freilauf bei Fuß geübt, also Charlie auch noch neben mir. Und im letzten Schritt habe ich das Kommando etabliert, wenn Charlie auf mich zugelaufen ist. Ich habe mich dann groß gemacht, beide Arme abwehrend nach vorne gehalten und „Stopp!“ gerufen. Bei den ersten Versuchen habe ich manchmal auch noch einen Schritt in seine Richtung gemacht, was ihn immer dazu gebracht hat, stehen zu bleiben. Dieses etablierte Kommando übe ich seit der Diagnose wieder verstärkt, ich hoffe, ihn damit in Zukunft vor Hindernissen ausbremsen zu können.

Treppe

Viele blinde Hunde erkennen Stufen oder Treppen mit ihren übrigen Sinnen, bei Charlie ist das häufig nicht der Fall, besonders, wenn es sich um fremde Treppen handelt. So habe ich mir angewöhnt, jedes Mal, wenn wir gemeinsam Stufen oder eine Treppe gehen zu sagen „Treppe“.

Vorsicht

Das „Vorsicht“ soll dazu dienen, Charlie zu signalisieren, dass sich der Untergrund oder die Situation verändert. Es geht mir nicht wie beim „Stopp“ darum, ihn zum Anhalten zu bewegen, sondern nur darum, ihn aufmerksam zu machen. Wenn er sich zum Beispiel vom Feldweg weg bewegt und ein kleiner Graben oder Ackerfurchen auf seinem Weg liegen, sage ich „Vorsicht“, damit er das Hindernis erkennen kann.

Rechts / Links

An Wegkreuzungen und Abbiegungen benutze ich als Richtungsanzeige „Rechts“ und „Links“ in der Hoffnung, dass ich ihn damit an Hindernissen vorbei lotsen kann. Wenn er sich versetzt vor mir befindet und rechts abbiegen soll, sage ich „Rechts“ und wenn er erfolgreich die richtige Richtung nimmt, klickere ich. Die falsche Richtung ignoriere ich einfach. Wenn er auf einer Höhe mit mir ist, sage ich das Kommando während des Abbiegens und klickere, wenn er sich von mir leicht in diese Richtung führen lässt oder diese von selbst einschlägt.

Nah bei

„Nah bei“ ist ein erweitertes „Fuß“. Jedoch soll er dabei nicht neben mir gehen, sondern leicht nach hinten versetzt, quasi auf einer Linie mit mir, im Optimalfall mit der Nase in meiner Kniekehle. Damit führe ich ihn durch Engpässe hindurch, geübt haben wir das unter anderem auf einer Holzplanke, über die er so mit mir gehen musste. Ich erhoffe mir dadurch, ihn mit meinem Körper vor seitlichen Begrenzungen / Hindernissen schützen zu können.

Hand

In unserem privaten Umfeld befinden sich einige nette und hundefreundliche Kinder, zu denen Charlie kontrollierten Kontakt haben darf. Ich würde ihn als äußerst kinderfreundlich und geduldig beschreiben, er genießt die Aufmerksamkeit und die zusätzlichen Streicheleinheiten. Damit diese Streicheleinheiten nicht zu einem Schrecken führen, wenn er völlig blind ist, etablieren wir gerade das Kommando „Hand“. In vielen Situationen, in denen ich ihn streichele, sage ich vorher „Hand“, damit er mit der Berührung rechnet. Wir üben dies auch am Fressnapf, wenn er abgelenkt ist und mich nicht anschaut. Ich nähere mich ihm dann seitlich oder von hinten, sage „Hand“ und berühre ihn. „Hand“ soll dazu führen, dass er mit einer Berührung rechnet und nicht erschrickt.

Leise Schnalzgeräusche

Viele Halter blinder Hunde tragen ein Glöckchen am Futterbeutel oder der Jacke, damit der Hund sie auditiv wahrnehmen kann. Dies ist für viele Mensch-Hund-Teams mit Sicherheit eine tolle Lösung, ich jedoch fühle mich nicht wohl damit. Es kommt hinzu, dass eines unserer grundlegenden Probleme damit nicht gelöst werden kann: Wenn ich Charlie im Dunklen heran rufe, rennt er in meine Richtung, erkennt aber nicht, wo genau ich stehe und rennt mich häufig um. Ein Glöckchen würde in dieser Situation nicht helfen, da ich mich ja nicht bewege, sondern stehe.
Da meine Freude an blinden Zusammenstößen aber gering ist und ich zu blauen Flecken neige, musste zwingend eine Lösung her. Ich erinnerte mich daran, einmal einen faszinierenden TV-Bericht über Klicksonar (aktive bildgebende Echoortung) gesehen zu haben. Blinde Menschen orientieren sich hierbei über das Echo ihres Zungenschnalzens. Eine für mich unvorstellbare Leistung und wirklich beeindruckend. Charlie das Schnalzen mit der Zunge beizubringen erscheint mir allerdings unmöglich, weshalb ich mich entschied, dass ich schnalze und er so orten kann, wo ich stehe. Nicht so imposant wie aktive Echoortung, aber immerhin eine Lösung.
Ich kann also stehen, sitzen oder gehen, die Schnalzgeräusche machen es ihm möglich, auditiv zu erfassen, wo ich mich befinde. Ein weiterer Vorteil für mich ist, dass ich das Schnalzen nach Bedarf anwenden kann und nicht dauerhaft Glöckchen an meiner Kleidung bimmeln.

Maßnahme für Dritte

Und hier noch eine Maßnahme, die ich getroffen habe, um Dritte zu erhöhter Aufmerksamkeit zu bringen: Ich habe Charlie ein gelbes Halstuch mit 3 Punkten gebastelt, das ihn gut sichtbar als blinden Hund kennzeichnet.
Generell kann ich behaupten, dass beide Hunde und auch ich zufrieden sind. Wir haben Spaß miteinander, ausreichend Bewegung und Beschäftigung und haben uns in unserem Leben eingerichtet. Es gibt immer wieder Kleinigkeiten, die uns stolpern lassen, aber das wirft uns nicht mehr aus der Bahn. Ob Charlie mehrfach gegen den neuen Sessel läuft, weil er sich erst an das neue Hindernis gewöhnen muss oder Lis zum Frühstück geweckt werden muss, weil sie ein Langschläfer ist und nicht hört, dass wir in der Küche aktiv sind. Das sind Kleinigkeiten, die uns das Leben nicht trüben können. Und nachdem ich meine eigene Angst verloren habe, mache ich auch alles mit den Hunden, was man mit Hunden ohne Handicap machen würde. So fahre ich mit Charlie Fahrrad, mache Städtereisen mit ihnen, wir fahren gemeinsam in Urlaub und finden uns in fremden Umgebungen als Team wirklich gut zurecht.

Ich gestehe: Zu Anfang der Diagnose war ich ein wenig verzweifelt, hatte Angst, dass wir kein „normales“ Leben mehr führen können. Ich Charlie nicht mehr mit ins Büro nehmen kann oder mich anderweitig total einschränken muss. Fast 1,5 Jahre später kann ich sagen „Alles Unfug!“. Wir kommen super zurecht, Charlies Erblindung spielt viel weniger eine negative Rolle in unserem Leben, als ich erwartet hatte. Wir haben für uns einen Weg gefunden, damit umzugehen und das Leben zu genießen.

Sandra und Charlie
Über die Autorin
Sandra lebt mit Charlie und Lis im Großraum Köln. Im richtigen Leben ist sie kaufmännische Angestellte und leidenschaftliche Hundehalterin. Der Blog „Dreipunktecharlie“ ist ihr liebstes Hobby. Die Idee zu diesem Blog, den es seit Januar 2016 gibt, entstand durch Charlies Krankheit PRA, die zur vollen Erblindung führt. Sandra wollte anfangs ihren Freunden, die nicht alle in ihrem direkten Umfeld leben, die Möglichkeit geben, mehr über das Leben mit zwei Handicap-Hunden zu erfahren. Der Blog soll aber auch anderen Menschen zeigen, dass ein Hund mit Handicap genauso toll ist wie jeder andere Hund auch!

8 thoughts on “Ein Hund mit Handicap ist kein Handicap – Ein Gastbeitrag von Sandra Musculus vom Blog „Dreipunktecharlie“”

  1. Hallo, ich habe mit viel Neugier den Beitrag gelesen! Vielen Dank dafür, er ist wirklich super!

    Ich kenne auch eine blinde Hündin, die super in ihrem Leben zurecht kommt. Diese habe ich – genau wie euch – durch Zufall entdeckt und lese nun täglich ihre Geschichten durch. Sie ist wirklich top und macht alles, was auch ein sehender Hund kann!

    Falls ihr auch mal schauen wollt, sie ist auf Facebook zu finden unter https://www.facebook.com/blindelebensfreude/

    Liebe Grüße und einen schönen Abend! 🙂

    1. Hallo Franziska,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich werde ihn an Sandra von Dreipunktecharlie weiterleiten! Sie freut sich bestimmt auch sehr darüber!

      Und vielen Dank für den Link! Ich werde gerne schauen!

      Liebe Grüße, Antonietta von Canem

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