Ein kleiner Hund im Himmel

Kleiner Hund im Himmel

Ein kleiner Hund im Alter von fünf Monaten kommt nach Deutschland und ist fünf Tage später tot.

Für mich immer noch unfassbar und unglaublich traurig.

Ein kleiner Hund. Einen Tag hier und bei seinen neuen Besitzern. Windet sich beim ersten Gassi gehen aus dem Halsband und läuft weg. Fast eine ganze Woche lang wurde der kleine Hund gesucht, immer wieder gesichtet. Ein ängstliches kleines Häufchen Hund entgeht eine Woche lang jedem Zugriff. Eine Box mit ihrer Decke und leckerem Futter wurde aufgestellt. Sie war auch dort, wurde gesehen, aber es war trotzdem nicht möglich, sie wieder einzufangen, denn sie war mit nichts dazu zu bewegen, in die Box hinein zu gehen. Ihre Hundemama und ihr Hundegeschwisterchen waren im Einsatz – doch der kleine Hund hat alle gemieden!

Und dann, fünf Tage später, sieht mein Mann die Kleine am frühen Morgen in der Nähe unserer Haustür. Leider flüchtet sie sofort wieder. Da es sich um einen sehr ängstlichen Hund handelt, rät man in solchen Situationen davon ab, den Hund zu locken. Es sollen nur die Sichtungen gemeldet werden, damit man nachvollziehen kann, wo ungefähr sich der Hund aufhält. Also haben wir die Nummer angerufen, die in dem Bericht abgedruckt war. Es handelte sich um die Nummer der Pflegestelle. Einer Pflegestelle, die wir gut kennen, denn auch unser Hund kommt von dort. Wir haben vereinbart, für die kleine Hündin in unserem Garten eine Futterstelle einzurichten. Später wurde noch eine Spur mit ihrer Hundemama und ihrem Hundegeschwisterchen in unseren Garten gelegt und ihre Decke in unserem Garten platziert.

Doch es war alles vergebens, denn kurz darauf war sie tot. Überfahren auf einer Bundesstraße, die das Wohngebiet vom Wald trennt.

Und da man uns nicht mehr informiert hat, habe ich noch den ganzen restlichen Tag darauf gewartet, dass die Kleine vielleicht doch noch auftaucht, sich in unseren Garten leiten lässt. In Sicherheit ist. Zu spät. Am Abend habe ich dann im Internet gelesen, dass es vorbei ist, dass man sie geborgen hat. Ein kleiner Hund im Himmel.

Ich bin immer noch traurig und ich bin wütend. Immer noch. Doch wütend auf wen?

Und wer trägt Schuld daran?

Ach, ich weiß gar nicht, ob diese Frage so einfach zu beantworten ist. Aber ganz viel trägt dazu bei, dass nicht genügend Aufklärung betrieben wird. Schon die Pflegestellen haben oft nicht ausreichend Wissen über die Tiere, die sie bei sich aufnehmen. Es genügt einfach nicht, die Tiere aufzunehmen und weiterzuvermitteln. Und letztendlich kann eine unwissende Pflegestelle auch den neuen Halter nicht informieren. Doch genau das wäre hier so extrem wichtig.

Eine klitzekleine Information darüber, dass ein ängstlicher Hund besser ein Sicherheitsgeschirr trägt. Sicherheitsgeschirre gibt es auch zum Ausleihen für den Anfang. Hätte man den kleinen Hund mit einem Sicherheitsgeschirr übergeben und nicht mit Halsband, könnte er wahrscheinlich heute noch leben.

Wissen kann in diesem Fall Leben retten!

Angehende Halter eines Auslandshundes werden allerdings so manches Mal auch angelogen oder es werden wichtige Details verschwiegen. Muss das wirklich sein? Schützt man damit diesen Hund, den man aus dem Ausland geholt hat, wirklich? Oder sorgt man damit nicht eher dafür, dass das Leid weitergeht?

Wissen kann helfen, zu vermeiden, dass Tierschutzhunde zum Wanderpokal werden, weil die neuen Hundebesitzer nicht klar kommen mit einem Hund, der sich in seiner neuen Welt beileibe nicht so wohl fühlt und glücklich und dankbar ist, wie man das gerne hätte.

Ein Hund, der Angst hat, ein Hund der aus Angst beißen könnte. Ein Hund, der vor lauter Angst die Wohnung nicht mehr verlassen möchte. Ein Hund, der bei jedem Geräusch zu einem zitternden Bündel Angst mutiert. Ein Hund, der ein Leben auf der Straße gewöhnt ist und es im Haus gar nicht aushält und alles zerstört. Ein Hund, der in die Wohnung macht, weil er einfach nicht weiß, dass er das nicht soll. Er kennt es vielleicht nicht anders, weil er jahrelang eingesperrt gelebt hat. Ein Hund, der alles verteidigt und eigentlich nicht in eine Familie vermittelt gehört, in der kleine Kinder sind. Ein ressourcenverteidigender Hund, der jeden und alles weg beißt. Ein Hund, dem Kindergeschrei so zusetzt, dass er, da er eventuell nicht ausweichen kann, nach vorne geht.

Und dann das Tierheim?

Und dann im Tierheim landet. Und den nächsten Versuch wagen darf und wieder im Tierheim landet. Und so weiter und so fort? Muss das wirklich so sein?

Ja, verdammt noch mal, ein Hund bedeutet Arbeit. Und ein Tierschutzhund noch viel mehr. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass wir keine Hunde retten. Dass wir keine Dankbarkeit erwarten dürfen. Woher soll ein Hund auch Dankbarkeit kennen? Ein Hund ist schließlich kein Mensch – und mal ganz ehrlich, Dankbarkeit kennen schon wir Menschen nicht allzu gut.

Doch wenn man ausreichend informiert ist, sich darauf einstellen kann, dann ließe sich das alles vielleicht vermeiden. Auch wenn man nie auf alle Eventualitäten vorbereitet sein kann. So ist das nun mal im Leben. Doch vielleicht würde man anders entscheiden, vielleicht würde man entschließen, dass man sich so einen Hund nicht zutraut, vielleicht würde man entscheiden, es weiter zu versuchen und den Hund nicht ins Tierheim abzuschieben… Vielleicht!

Ich bin traurig und wütend. Immer noch.

Wo fängt Tierschutz an und wo hört er auf?

Diese Frage muss ich mir einfach stellen. Wie viel Sinn liegt darin, einen kleinen Hund aus dem Ausland nach Deutschland zu bringen und ihn dort kurze Zeit später begraben zu müssen? Stimmt das „zu Tode geschützt“ hier?

Seit wir unseren Hund haben, setze ich mich immer mehr mit dem Thema Auslandstierschutz auseinander. Und ich will mich informieren. Ich will wissen. Damit ich andere informieren kann. Das möchte ich auch mit meinen Blogbeiträgen erreichen. Dass Menschen, die dies hier lesen, sich ebenfalls Gedanken machen und gegebenenfalls Fragen stellen, viele Fragen. Dass Menschen sich informieren können – bevor sie einem Hund aus dem Auslandstierschutz ein Zuhause geben. Viele Hundetrainer bieten diese Informationsmöglichkeit an! Wir auch.

Das ist auch der Grund dafür, dass ich mich in den nächsten Monaten zum Tierschutzbegleiter ausbilden lasse. Aus diesem Grund besuche ich auch einen entsprechenden Vortrag über den Tierschutzhund und ein Seminar zum Thema „Angsthund“. Ich möchte so viel wie nur irgend möglich wissen und dieses Wissen auch weitergeben können.

Und somit vermeiden, dass noch ein Hund auf diese Weise leiden und sterben muss! Genau das wünsche ich mir sehr!

11 thoughts on “Ein kleiner Hund im Himmel”

    1. Es ist sehr traurig, dass der kleine Hund sterben mußte. Ich habe auch einen Tierschutzhund, mir wurde bei Übergabe mitgeteilt ich habe den Hund mit Halsband und Geschirr zu sichern. Sie ist immer noch sehr ängstlich und seit Kurzem knurrt sie, wenn jemand auf sie zugeht. Sie will sagen, ich bin hier. Ja und wir müssen jetzt wieder in die Hundeschule. In der Hoffnung man kann ihr und uns helfen.

  1. Gute Reise kleines Seelchen! Es hätte so schön, so wunderbar werden können…

    Mir wurde meine Shiva damals auch komplett ohne Sicherung mit zu großem Halsband drum in den Arm gedrückt. Keine Leine, kein nix. Ich hab sie so fest gehalten, dass ich dachte, gleich zerquetsch ich sie… Ich war schon hundererfahren – dachte ich – also hab ich mir einen Auslandswelpen zugetraut. Wie falsch ich doch lag. Shiva hatte Angst vor allem und hat die Ressource Futter mit allem verteidigt, was sie hatte. Dieser Hund hatte Hunger gelitten… so sehr, dass sie bei der Chance auf etwas fressbares zu ergattern, komplett die Kontrolle verloren hat. Welpenzähne können sehr spitz sein… Wir haben beide dazugelernt und sind jetzt nach beinahe 5 Jahren ein tolles Team, aber ein Auslandshund benötigt viel Zeit, Arbeit, Geduld, Durchhaltevermögen und Liebe und Verständnis.

    Flieg, kleiner Engel… flieg zu den Sternen. Du hättest so viel mehr verdient.

  2. Liebe Sandra, liebe Shiva!

    Toll, dass ihr es geschafft habt und heute ein tolles Team geworden seid! Jeder, der durchhält, hat Bewunderung verdient! Ich freue mich sehr darüber, dass es doch einige Menschen gibt, die nicht aufgeben und so einem Hund eine verdiente Chance geben!

    Liebe Grüße, Antonietta von Canem

  3. Einfach nur traurig und leider passiert sowas viel zu oft 🙁

    Ich habe vor ziemlich genau einem Jahr einen Hund aus dem Auslandstierschutz aufgenommen und rückblickend betrachtet, war es in den ersten Wochen ein Wunder, dass ihn nicht das gleiche Schicksal ereilt hat. Als unkomplizierter, menschenbezogener Anfängerhund angepriesen, habe ich einen Hund mit teilweise stark ausgeprägten Unsicherheiten und Ängsten bekommen, wohl gemerkt mitten in der Großstadt. Über Sicherheitsgeschirr, doppelte Sicherung etc. wurde ich nicht aufgeklärt und habe mir alles was wir bis heute erreicht haben, mühsam selbst erarbeitet, natürlich mit der Hilfe von Hundetrainern.

    Ich habe für meinen Hund sehr viel auf mich genommen um ihn behalten zu können und ihm ein ständiges Hin- und Herreichen oder schlimmeres zu ersparen. Heute haben wir immer noch viel Arbeit vor uns, aber sind auf einem richtig guten Weg.

  4. Liebe Frau Matteo,
    danke, dass Sie den Mut haben –
    den Mut, dieses Thema offen anzusprechen;
    den Mut, Klartext zu schreiben.
    Leider ist es oft so, dass ebendiese Geschichten totgeschwiegen werden.
    Das nicht einmal die benachrichtigt werden, die sich einsetzen, die Hilfe angeboten und mitgesucht und gebangt haben. Nein, Tierschutz bedeutet nicht nur ‚raus aus dem Tierheim‘.
    Tierschutz ist mehr als Retten.
    Es beginnt bei der sorgfältigen Vorbereitung und zwar von Hund und Halter. Es gehört Fachwissen dazu, wenn man sich im Tierschutz engagieren möchte. Ich bin froh, dass Sie zu den Tierfreunden gehören, die sich weiterbilden, die ihre Verantwortung und Tier-Schutz ernst nehmen. Ich denke, dass die Ausbildung zum Tierschutzbegleiter einen wichtigen Anteil an einem Tierschutz mit Verantwortung leisten kann.

    1. Liebe Frau Sauerland, vielen lieben Dank für Ihren Kommentar.
      Genau diese Geschichte hat mit dazu beigetragen, meinen Entschluss zu festigen, mich selbst mehr zu informieren. Um dann auch andere Menschen wiederum entsprechend informieren und rundum betreuen zu können.
      Die Ausbildung zum Tierschutzbegleiter bei Ihnen bietet mir genau diese Möglichkeit, da sie alle möglichen Seiten beleuchtet und eine Menge interessanter Inhalte beinhaltet. Ich kann den Tierschutzbegleiter wirklich nur jedem empfehlen!

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